Als Franz Mahr vor 69 Jahren mit seinen Eltern in die Rhön kam, stand er ohne Heimat da. Der Krieg hatte die Familie zur Flucht aus Südmähren gezwungen. Sie fand ein neues Zuhause in Oberleichtersbach, am Buchrasen. Heute ist Franz Mahr mit 85 Jahren der älteste Bewohner einer kaum beachteten Siedlung hinter dem Industriegebiet an der alten B 27. Dabei waren er und die Häuser als Erste da.
Am 19. März 1945 traf Familie Mahr in Oberleichtersbach ein. Da herrschte in weiten Teilen Deutschlands noch Krieg. Auch Brückenau und Umland hatten die Amerikaner noch nicht vom Naziregime befreit. Am Buchrasen gab es damals kaum mehr als Wald und Wiesen. Und genau hier sollte Raum für einen Neubeginn sein?


50 Mark für einen Bauplatz

Geplant war eine Siedlung aus acht Häusern nur für Heimatvertriebene. "Ein Bauplatz kostete damals 50 Mark. Und der Staat lieh jedem von uns 5000 Mark für den Bau", erinnert sich Franz Mahr. Die Häuslebauer machten sich 1947/48 weitgehend selbstständig ans Werk. Maschinen waren nicht verfügbar. Pickel, Hacke und Steinschlegel zum Spalten von größeren Klötzen mussten genügen. Dafür halfen sich die künftigen Eigenheimer gegenseitig, zum Beispiel beim Bau der Keller.
Die Häuser fielen nach heutigen Maßstäben bescheiden aus. Der Grundriss lag bei lediglich sieben mal acht Metern. Drei Häuser der Buchrasen-Siedlung weisen ihn heute noch auf; das Heim der Mahrs allerdings nicht mehr. 1949 wurde das Haus fertig. Die Familie konnte einziehen. Franz Mahr langte immer mehr in seinem neuen Zuhause an. Er lernte seine Frau Gertrud kennen - eine echte Rhönerin aus Breitenbach. Die beiden zogen zu Mahrs Eltern - und gründeten eine Familie. Es muss sehr ruhig gewesen sein, damals am Buchrasen. Die B 27 befuhren ja noch nicht so viele Autos. Gewerbebetriebe gab es nicht. Gertrud Mahr war es manchmal zu still, erzählt sie selbst. Sie stammte aus einer belebten Landwirtschaft. Oft fuhr sie hinüber nach Breitenbach, um dort zu arbeiten und ein wenig den "Trubel" zu genießen.
Ihr Mann Franz arbeitete lange bei der Firma Lindtpointner, dem Vorläufer der Torbau Bad Brückenau GmbH. Die hat im städtischen Teil des Buchrasen jenseits der Bundesstraße ihren Sitz. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg existierte weder dieser, noch der Oberleichtersbacher Teil des Gewerbegebiets. Zwar zog in den 1960er-Jahren das Sägewerk Vorndran dorthin, doch das sollte für lange Zeit der einzige Betreib vor Ort bleiben.


Dann wurde es lebendig

Erst mit der Tankstelle Hartmann und der Hanse Haus GmbH aus Unterleichtersbach begann sich der Gewerbepark ab 1993/94 zu füllen. Andere örtliche Firmen wie die Schreinerei Joachim zogen nach. Auch die Staatliche Mineralbrunnen AG sitzt mittlerweile zum größten Teil am Buchrasen.
Franz Mahr betrachtet ein Bild von seinem Elternhaus an der tschechisch-österreichischen Grenze. Es ist vor kurzem renoviert worden. Noch immer kommen ihm die Tränen, wenn er an seine alte Heimat denkt - auch nach so vielen Jahren.
Am Buchrasen, wo er den größten Teil seines 85-jährigen Lebens verbracht hat, fühlen er und seine Frau sich auch heute dennoch wohl. Die Betriebsamkeit des benachbarten Industriegebietes hat sich nicht auf die Siedlung übertragen. Gut abgeschirmt liegt sie hinter der Tankstelle Hartmann verborgen. Von der Straße sind nur Dächer zu sehen.


Jeder kennt jeden

Irgendwann wurden die Wege asphaltiert. Aber das fällt nicht ins Gewicht. Zu den ursprünglich acht Häusern sind nur vier weitere gekommen. Wie vor fast 70 Jahren gilt: Jeder kennt jeden. Zwar wohnen der Sohn des Ehepaares und die vier Enkel weit entfernt, in Rosenheim, aber im Haus der Mahrs herrscht immer Leben. Häufig schaut Lorenz, der Nachbarsjunge vorbei. Gertrud Mahr hat das Industriegebiet nebenan als Forschungsobjekt entdeckt. Jeden Tag geht sie mit ihren Walkingstöcken ihre Runde und schaut, was sich bei den Firmen so tut. "Die Hanse" baut gerade eine neue Halle. Die Siedlung am Buchrasen - sie bietet beste Voraussetzungen, um den Lebensabend zu beschließen.