Wohnhaus und Ställe sind fast alle eingerissen. "Hier haben wir noch oft gesessen, nachdem es auch keine offizielle Kneipe mehr war", denkt ein älterer Mitgenfelder bei den leeren Fensterhöhlen gerne an jene Zeiten zurück, als die ehemalige Gaststube in Helfrichs-Hof den Jüngeren die einzige Möglichkeit bot, sich im Dorf zu treffen. Mitten im Ortskern gelegen, verfielen seit über zehn Jahren Gebäude und Stallungen des einstmals so stattlichen Hofes, für manchen Mitgenfelder ein Ärgernis. Jetzt rührt sich wieder etwas auf dem Gelände: Joachim und Sandra Weber ziehen demnächst hier ein. Geplant ist ein Neubau "ohne landwirtschaftlichen Betrieb", sagt Landwirtschaftsrat Weber, gebürtiger Brückenauer. Ihm, der seit Kindheit an mit der Landwirtschaft verbunden ist, sei es wichtig, dass "unsere Kinder auf den Höfen ringsum erleben, woher Milch und Fleisch kommen".

Der Helfrichs-Hof in der Ortsmitte von Mitgenfeld, ehemals eines der bedeutendsten Anwesen in der Umgebung, blieb nach dem Tod von Josef Kleinhenz verlassen. Der früher von den Frauen des Dorfes bewunderte Hausgarten - "Tante Rosa hatte den schönsten Hausgarten und das beste Obst" - verwilderte, die Stallungen verfielen. Bis zu seinem Tod im Herbst 2004 führte Josef Kleinhenz auf dem Hof ein Einsiedlerleben. Von Kind auf hatte er schon Bauer sein müssen. Auch später bekam er von seinem im Krieg verletzten Bruder Albin, dem überall bekannten "Baron", nur wenig Hilfe. Nach dem Tod der Mutter 1989 war die Arbeit von Josef Kleinhenz alleine nicht mehr zu bewältigen. Die zur Landwirtschaft passende Frau fand sich nicht oder wurde von der Arbeit abgeschreckt. Kleinhenz kapselte sich ab, umgeben von seinen geliebten Tieren. Statt der arbeitsaufwändigen Kühe hielt er Schafe, Hühner, Hasen, Bienen und vor allem Schafshunde, mit denen er unbeliebte Besucher vom Hof fernzuhalten wusste.

Treuer Kirchgänger


"Josef war mit der Arbeit einfach überfordert", sagen die Nachbarn. Der Betrieb verfiel nach und nach. Hilfe nahm der Bauer ebenso wenig an wie den unter Nachbarn üblichen Teil von frisch Geschlachtetem. "Der Josef nahm nichts von anderen an, selbst nicht die Hilfe beim Ausbessern der Ziegel nach einem Sturm." Einen Sack mit Kartoffeln holte er regelmäßig von Herdt in Römershag mit dem Traktor, seinem einzigen Gefährt für Besorgungen und die Fahrt zum sonntäglichen Kirchenbesuch. "Jeden Sonntag kam er in die Kirche, im weißen Hemd", erinnern sich die Mitgenfelder und Breitenbacher.

Mutter Rosa und ihre Söhne Albin und Josef hatten 1956 das alte Wohnhaus umgebaut und die Gastwirtschaft eingerichtet. Noch bis zum Abbruch des Hauses blieben Kühlschrank, Waschmaschine, bunt gekacheltes Bad und die Gaststube im zweigeschössigen Gebäude zeitgemäß und funktionsfähig. Josef Kleinhenz lebte lediglich in zwei Räumen im Erdgeschoss. "Die Kleider der 1989 verstorbenen Mutter hingen bis zum Hausabbruch in ihrem früheren Schlafzimmer", stellten die Nachbarn fest. Bis zuletzt blieben einige Ikonen, eine Wetterstation und alte Bilder an ihrem Platz.

Säubaron als Mann von Welt


Noch heute machen die Geschichten vom "Säubaron" vom Helfrichs-Hof die Runde. Die Mitgenfelder wissen es besser: Damit war nicht der Vater gemeint, den die Mitgenfelder trotz seiner Nazi-Freundschaft zu ihrem Bürgermeister gewählt hatten, und auch keineswegs der Einsiedler Josef. "Es war der gängige Titel für seinen Bruder Albin und nicht als Spott gemeint, sondern als gewisse Bewunderung für den älteren Bruder. Er wusste als Mann von Welt bei allen Ereignissen mit einem schwarzen Anzug und einem weißen Hemd aufzutreten und sich in die vordere Reihe zu stellen", sagen die Leute.
Von der Züchtung einer Saurasse "Schwarzer Poland-China" versprach Albin sich vergeblich Reichtum. Noch so manches Histörchen erzählen die älteren Mitgenfelder von Albin, dem Säubaron, der es auch geschickt gewusst habe, sich selbstverständlich neben Konrad Adenauer zu präsentieren und bei allen Anlässen wie ein Baron aufzutreten. Schon mit 47 Jahren war Albin an den Folgen der schweren Kriegsverletzung gestorben. Sein Bruder Josef habe ihn damals gepflegt, neben der Arbeit im Stall und im Hof, brechen die Mitgenfelder eine Lanze für ihren einsam verstorbenen Mitbürger und Nachbarn. Er wird ihnen noch lange in Erinnerung bleiben. Trotz allem.
Von Marianne Renner