Man ist offen, wenn man in den Großen Saal pilgert und vor allem einen geistreichen, pointierten, durchaus auch unterhaltsamen Abend erwartet. Natürlich, wann denn sonst. Aber sehr schnell wird deutlich, dass an diesem Abend aus dem entspannten Zurücklehnen nichts werden wird. Allein schon, wie hektisch Priol mit seinem Tablet und Smartphone als vollständig vernetzter und überwachter Zeitgenosse auf die Bühne geklettert kommt, wie er da schon atemlos das obligatorische alkoholfreie Weißbier auf den Stehtisch stellt, das im Laufe des langen Abends immer abgestandener und wärmer wird. Oder wie er zu Beginn zwanghaft mit seinem Tablet rumspielt, um den ständig aktuell Informierten bis hinein in die aktuellen Spielstände der Champions League - all das verspricht keinen gemütlichen Abend.

Aktueller geht's nicht

In der Tat wird schnell klar, was Urban Priol mit "Jetzt!" meint: die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation, und zwar nicht nur die internationale, sondern auch die auf die eigene Umgebung heruntergebrochene. Er hat sie alle, die großen Themen, die die Welt im Klammergriff beherrschen: die Finanzkrise, die längst die Bereiche der menschlichen Vorstellungskraft verlassen hat, die Kriege im Nahen Osten und in Afrika, die Unsinnigkeit eines ausgeglichenen Staatshaushaltes, der nur durch Unterfinanzierung erreicht werden kann, das drohende Freihandelsabkommen, das Europa zum Opfer der USA machen wird, das Gutmenschentum und die Segnungen von Yoga.

Jede Krise braucht die nächste

Er macht deutlich, dass jede neue Krise ganz einfach gebraucht wird, um von vielen alten Krisen abzulenken. Und er führt mit bestürzender Deutlichkeit das hilflose Zur-Kenntnis-Nehmen der Politikerinnen und Politiker vor Augen, die längst davor kapituliert haben, dass nicht mehr die Politik die Wirtschaft bestimmt, sondern die Wirtschaft die Politik - und beide lückenlos überwacht von den Geheimdiensten, nicht nur vom NSA. Für Optimismus ist da überhaupt kein Platz mehr.

Warum lacht man eigentlich?

Aber warum lacht man dann eigentlich, wenn Urban Priol ins Reden gerät und dabei ein Tempo vorlegt, dass man eigentlich gar keine Zeit dazu hätte? Wer seine Ohren immer mal ins Publikum richtet, der hört verschiedene Lacher. Da sind die offenen, befreiten, erheiterten Lacher über neue Wortschöpfungen oder überraschende Querverbindungen, auf die man bisher noch nie gekommen war oder Stimmimitationen von Gauck, Merkel, Schröder & Co. Aber die sind gar nicht so oft, weil Priol nicht mit billigen Gags arbeitet, weil er nie auch nur in die Nähe der Comedians abrutscht und weil er sein Publikum nicht ablenkend unterhalten will, sondern seine Wahrnehmung der Realität, vor allem der politischen, schärfen will.

Raffiniert gesteuert

Und das Lachen hält auch nicht an, weil Priol es raffiniert steuern kann. Wenn er über Mann und Frau schwadroniert, ist das vertrautes Terrain. Wenn er den größten politischen Blödsinn erzählt und dabei ein Eis schleckendes Geräusch macht, dann lacht der Zuhörer, weil er weiß, dass jetzt der vorher eingeführte AfD-Wähler spricht, der nach einer Forsa-Umfrage einen um fünf Punkte geringeren Intelligenzquotienten hat als der normale Wähler. Aber will man sich damit identifizieren? Oder wenn er sich in seinen Sätzen verhaspelt, keinen mehr zu Ende bringt, dann ist das lustig. Aber das Gemeine ist, dass man als Zuhörer beginnt, die Sätze zu Ende zu denken. Und dann wird man schnell in Richtungen gelenkt, die man nicht wahrhaben will.

Lachen als Abwehr

Dann gibt es die Lacher, die aus einer Abwehrhaltung gegenüber dem Gehörten entstehen. Denn Urban Priol hat zu einer analytischen und verbalen Schärfe gefunden, die weh tun kann, wenn sie in die kleine, geordnete Welt eindringt, in der man sich eingerichtet hat, in der die Prinzipien noch einen Wert haben, aus der man die große Politik eigentlich heraushalten will. Natürlich findet man sich in vielen Gedanken von Urban Priol wieder, manches hat man sich auch schon gedacht, manches hat man sich so noch nicht klar gemacht. Aber den Punkt, an dem man aufhört, weiter nachzudenken, konnte man bisher immer selbst bestimmen. Und jetzt ist das plötzlich einer, der gnadenlos weiterbohrt. Damit muss man erst einmal klar kommen.

Schmerzhafte Kunstgeburt

Und dann sind da die Lacher, die man gar nicht mehr hört, weil sie dem Zuhörer vergangen sind. Der sitzt da und denkt sich: "Natürlich kann man das alles auch anders sagen. Aber in der Sache hat er entsetzlich recht." Auch wenn's schmerzt: Das ist genau der Punkt, an dem Kabarett zur Kunst wird. Es sei nur noch das Ziel der Politik, das Volk zu täuschen, meinte Urban Priol nach drei vollgepackten, desillusionierenden Stunden, die alle Beteiligten an die Grenze der Konzentration gebracht hatten. Und es sei an der Zeit, endlich aufzuwachen: "Jetzt!"