von unserem Mitarbeiter 
Sigismund von Dobschütz

Bad Kissingen — Zur 91. Jahrestagung der "Vereinigung der Bayerischen Chirurgen" haben sich über 500 Mediziner und Therapeuten aus Krankenhäusern und Rehakliniken in Bad Kissingen versammelt. Michael Kahle (62), Leitender Chefarzt der Chirurgie im Helios Elisabeth-Krankenhauses und bis Oktober noch Vorsitzender der Vereinigung, hatte erstmals in die Kurstadt eingeladen. Im Regentenbau geht es um "Selbstbestimmte Chirurgie - Zwischen Anspruch und Wirklichkeit".
Nicht nur private, auch kommunale Krankenhäuser müssen sparen. Einseitige kaufmännische Entscheidungen hält Gastgeber Kahle allerdings für falsch: "Der Zwang des Sparens drängt das medizinische Handwerk oft an den Rand des Geschehens." Leidtragender solchen Sparens sei dabei nicht der Arzt, sondern der Patient. Die Ärzteschaft habe aber im Krankenhaus die Interessen ihrer Patienten zu vertreten, denn im akuten Krankheitsfall seien diese hilflos. "Wir brauchen keinen Streit", fordert der Chefarzt seine Kollegen zum Dialog auf: Ärzte sollten gemeinsam mit der kaufmännischen Verwaltung nach Wegen suchen, den ökonomischen Zwängen bei gleichzeitiger Wahrung medizinischer Erfordernisse folgen zu können. "Aber die Reihenfolge muss stimmen: Zuerst kommt der Patient."
Die Diskussion ums Sparen ist nur eines der vielen Themen während der dreitägigen Tagung. In 30 Sitzungen und Workshops sprechen 200 Referenten über neueste Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden aus unterschiedlichen Fachbereichen der Chirurgie, von der Unfallchirurgie über die Gefäß- und Bauchchirurgie bis zur Kinderchirurgie.
Auch diese Vielseitigkeit mache Einsparungen notwendig, zeigt sich Kahle durchaus aufgeschlossen. "In unserer Region ist die Grund- und Regelversorgung in den Krankenhäusern noch sehr anspruchsvoll." Es müsse heute keineswegs in jeder Stadt zwingend eine Rundum-Versorgung geben, vielmehr könnten sich Kliniken in Bad Kissingen und Hammelburg, in Bad Neustadt und auch Schweinfurt auf bestimmte Fachgebiete spezialisieren, so der Mediziner, und in ihrer Summe die Vollversorgung der Region sichern. "Dies scheitert aber noch am Konkurrenzdenken der verschiedenen Träger."
Außerdem bereitet der zunehmende Ärztemangel Sorge. Kahle: "Gott sei Dank haben wir unsere Ärzte aus dem Ausland." Ohne sie wäre die ärztliche Versorgung in der Region nicht zu sichern. Hinderlich seien manchmal nur die sprachlichen Barrieren. Kahle: "Da muss noch etwas getan werden."
Solche Sprachbarrieren wird es heute beim vierten "Bavarian-Bohemian Symposium" kaum geben, bei dem 30 Mediziner aus Tschechien zum Erfahrungsaustausch mit ihren bayerischen Kollegen erwartet werden.
Neben den medizinisch-wissenschaftlichen Vorträgen haben vor allem das Symposium "Rehabilitationsmedizin", in dem auch Fachleute aus dem Landkreis zu Wort kommen, ebenso wie das Pflegesymposium, bei dem es um "Schnittmengen in der Pflege und der Chirurgie" geht, konkreten Bezug zum Tagungsort. "Es geht um die Sensibilität für einander." Ärzte, Therapeuten und Pfleger müssten mehr Kenntnis von der Arbeit des jeweils anderen haben. Kahle: "Was passiert nach der OP?" Gerade bei Pflege und Reha habe Bad Kissingen doch zweifellos eine größere Kompetenz als andere Standorte.