Bad Kissingen — Mit einem reinen Chopin-Programm ist in diesem Jahr der Pianist Grigory Sokolov auf der abgedimmten Lichtinsel auf dem Podium des stockdunklen Großen Saales aufgetaucht. Nachdem er in den letzten Jahren immer wieder Werke oder Komponisten vorgestellt hat, die im Musikalltag wenig Beachtung finden, verließ er sich dieses Mal auf hochgradig Bewährtes: Chopin geht immer.
Natürlich war es schön, dass er mit der h-Moll-Sonate op. 58 sein Recital begann, mit dem Werk, das der Komponist selbst einmal als "Konzert ohne Orchester" bezeichnete. Und die Art, wie er sie spielte, war durchaus faszinierend: mit einem angenehm trockenen, entromantisierten und darstellenden Anschlag, mit einer extrem ausgefeilten Regie der beiden Hände und ohne jede virtuose Pose. Was bei ihm die erstaunliche Folge hat, dass man die Tempi nicht unmittelbar wahrnimmt, weil sie vollkommen in ein schlüssiges Konzept eingepasst sind.
Sokolov ist ein Pianist, der allergrößten Wert auf die Darstellung melodischer Verläufe legt und der den Melodien immer genau die richtige Zeit zur Entfaltung lässt. Besonders eindrucksvoll war in seiner Ausformulierung das in die Nähe eines Nocturne gerückte Largo, dessen spröde, wuchtig einsetzende Kantilene zwischen der rechten und der linken Hand hin und her wechselt und trotz des entspannten Mittelteils die Aura eines Trauermarschs bekam. Da fiel es schwer, sich eine andere Interpretation vorzustellen.
Natürlich darf man bei aller Faszination der Gestaltung nicht außer Acht lassen, dass Sokolov ein ausgesprochener Tüftler ist, der sich den Rücken dafür freihält. Denn er erarbeitet jedes Jahr nur ein Programm, mit dem er dann in rund 50 Konzerten durch die Welt tourt. Wenn er einmal durch ist, kommt das nächste. Da hat er Zeit und Gelegenheit, daran immer wieder zu feilen. Und da gelingt es ihm auch, die Expressivität seines Spieles zu automatisieren, damit aber auch zu entpersonalisieren und zu distanzieren.
Ein wenig problematisch war er schon, der zweite Teil des Recitals, in dem Sokolov zehn Mazurken aus op. 30, 50 und 68 spielte. Natürlich waren sie glänzend gespielt, genau auskalkuliert, in einem stilisierten Tanzduktus, jede Phrase ganz bewusst ausformuliert. Dass er da ein paar Tippfehler hatte, war überraschend, aber nicht weiter schlimm, denn Sokolov hat ein exzellentes Fehlermanagement.
Das Problem war das Programm: Zehn Sätze, die sich hochgradig ähnlich sind, wesentlich ähnlicher als gezielt komponierte Variationen, alle in einem ähnlichen Tempo, alle im Dreivierteltakt - da lässt das Staunen doch irgendwann einmal nach, stellt sich Gewöhnung ein. Dass er Chopin dann auch in seiner gewohnt sechsteiligen Zugabenstrecke mehrfach zu Wort kommen ließ, machte die Sache nicht spannender. Da tat etwa Schuberts Allegretto D 946/2 so richtig gut. Immerhin gab Sokolov der f-Moll-Mazurka op. 68/4 eine gewisse Schwere des Vermächtnisses. Das war Chopins letzte Komposition. Man kann davon ausgehen, dass diese Mazurkenstrecke nicht im Sinne Chopins war, der sie nie als Gesamtzyklus konzipiert und mit Sicherheit auch nicht aufgeführt hat.