Die EU-Kommission hat in der vergangenen Woche beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen Deutschland wegen Versäumnissen beim Wasserschutz eingereicht. Zu schwache Regeln beim Umgang mit Gülle und Kunstdünger sind den Beamten in Brüssel ein Dorn im Auge. Es werde immer noch zugelassen, dass wesentlich mehr Dünger auf die Äcker kommt, als die Pflanzen überhaupt aufnehmen könnten, lautet ein zentraler Vorwurf der Kommission. Während in Niedersachsen oder rund um Nürnberg die Nitrat-Werte weit über dem gesetzlichen Grenzwert liegen, sieht es in der Region Bad Kissingen besser aus: "Wir sind im Landkreis Bad Kissingen insgesamt ganz gut aufgestellt", fasst Leonhard Rosentritt, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Bad Kissingen, die Situation zusammen.
Offensichtlich ist ein Süd-Nord-Gefälle (siehe Grafik): Die höchsten Werte gibt es im Saale- und Lauertal. Das hat laut Rosentritt vor allem zwei Gründe: "Zum einen haben wir im Süden geringere Niederschläge." Nitrat und andere Stoffe würden also nicht so stark verdünnt. Zum anderen gibt es im Nordwesten aber auch deutlich weniger landwirtschaftlich genutzte Flächen, vor allem wegen des hohen Waldanteils und der Schutzgebiete in der Rhön.


Weniger Dünger, bessere Klärung

Aber auch im Süden habe sich einiges gebessert: "Die Gemeinden haben das Problem seit langem erkannt, schließlich ist die Trinkwasserversorgung ein wichtiges Stück Daseinsvorsorge", berichtet Rosentritt. Aber auch die Landwirte machten beim Wasserschutz mit: "Wenn man nicht gerade auf der Gülle sitzt, ist die Einsparung von Dünger bares Geld." Ein wichtiger Faktor sei auch, dass immer mehr Kommunen auf dichte Kanäle und Nachrüstung der Kläranlagen achten: Die so genannte Nitrifikation und Denitrifikation sorgen dafür, dass der Stickstoff als Gas in die Luft entweichen kann - und senken damit die Nitrat-Belastung.
Den höchsten Nitrat-Wert hat aktuell die Gemeinde Fuchsstadt. Vor einigen Jahren lag das Wasser dort sogar über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. "Wir haben eine Leitung nach Hammelburg gelegt und mischen rund 20 Prozent Wasser von dort bei", berichtet Bürgermeister Peter Hart (CSU). Dieser Anschluss diene zudem als Notwasserversorgung. Parallel dazu werde aber auch versucht, die Nitrat-Belastung des eigenen Brunnens nahe der Erdfunkstelle zu senken: "Wir haben dort zwei Hektar gekauft, weitere rund zehn Hektar sind entweder stillgelegt oder werden extensiv bewirtschaftet", berichtet Hart. Dadurch wurde der Nitrat-Wert auf aktuell 42 Milligramm pro Liter gesenkt. Durch die Mischung mit Hammelburger Wasser kommen aus dem Hahn noch 34 Milligramm pro Liter. Insgesamt zahlt die Gemeinde den betroffenen Landwirten rund 3000 Euro im Jahr als Ausgleich. "Die Landwirte haben eingesehen, dass man da was tun muss", berichtet Hart.
Auch Kreis-Bauernobmann Karlheinz Vogler betont die Bedeutung niedriger Nitrat-Werte, aber: "Man sollte nicht für alles die Landwirte verantwortlich machen", wehrt er sich gegen Vorwürfe.
Nitrat ist ein wichtiger Pflanzennährstoff, sollte also immer ausreichend im Boden zur Verfügung stehen. Allerdings spült Regen überschüssiges Nitrat ins Grundwasser. Über Pflanzen oder das Trinkwasser gelangt es in den menschlichen Körper. Nitrat selbst ist zwar nicht gesundheitsgefährdend, wird jedoch im Körper zu Nitrit umgewandelt, das den Sauerstofftransport im Blut blockiert. Außerdem steht Nitrit im Verdacht, über die Umwandlung zu Nitrosaminen indirekt krebserregend zu sein.
Spätestens 2012 hätten Bund und Länder die Vorschriften zum Schutz der Gewässer vor zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft verschärfen müssen, heißt es in der Klageschrift der EU-Kommission. Aktuell wird bereits die Düngeverordnung verschärft: Die EU-Kommission fordert, dass im Winter nicht nur - wie im Moment - drei, sondern fünf oder sechs Monate nicht gedüngt werden soll. "Wenn im Herbst noch früher keine Gülle mehr ausgebracht werden darf, wird halt alles im Frühjahr draufgekracht", kritisiert Kreis-Bauernobmann Karlheinz Vogler. Aktuell sei die Stickstoff-Menge auf 170 Kilogramm pro Hektar und Jahr begrenzt. Eine weitere Verringerung oder eine zu strikte Aufteilung schränke die Landwirte weiter ein. Schließlich wisse der Landwirt selbst am besten, wann die Pflanzen Nährstoffe benötigen.


Kommunen zahlen Ausgleich

"Die Gülle muss in Zukunft wohl auch innerhalb einer Stunde in den Boden eingearbeitet werden, bisher galten vier Stunden", nennt Vogler als weitere Neuerung. Ziel sei eine geringere Verdunstung des Methans, aber gerade für kleinere Betriebe sei das gar nicht zu schaffen: "Da muss man ja nach jedem einzelnen Fass Gülle mit dem Grubber rausfahren", ärgert sich Vogler über solche Vorgaben. Seines Wissens gibt es im Landkreis Bad Kissingen auch keinen Gülle-Import: Es werde nur ausgebracht, was hier vor Ort anfalle. Zum Teil werde sogar Gülle und Mist aus dem Landkreis in andere Regionen gefahren.
In Absprache mit den örtlichen Landwirten wurde auch der Nitratwert für die Wasserversorgung von Euerdorf, Sulzthal und Ramsthal gesenkt: von 42,8 Milligramm pro Liter im Jahr 1998 über 36,9 Milligramm pro Liter im Jahr 2008 auf aktuell 30,9 Milligramm pro Liter. "Die Ausgleichszahlung wegen Bewirtschaftungsnachteilen im Wasserschutzgebiet beträgt 549,33 Euro pro Jahr", teilt die Verwaltungsgemeinschaft Euerdorf mit. In Aura wurde 1997 der alte Brunnen wegen zu hoher Nitratwerte außer Betrieb genommen, durch den neuen Brunnen wurde der Wert auf 8,0 Milligramm pro Liter gesenkt. Die Gemeinde zahlt Landwirten insgesamt 2560,10 Euro pro Jahr wegen Bewirtschaftungsnachteilen im Wasserschutzgebiet.
Deutlich mehr Geld nimmt die Gemeinde Maßbach in die Hand: Für das Wasserschutzgebiet der Brunnen im Lerchengrund erhalten Landwirte für die Optimierung von Dünger sowie für die Ansaat von Zwischenfrucht Prämien, die sich auf 15 000 bis 20 000 Euro pro Jahr summieren. Der Nitratwert liegt aktuell bei 25,8 Milligramm pro Liter. Die Gemeinde Wildflecken lässt sich die Einschränkungen bei der Düngung 816 Euro kosten, die Gemeinde Wartmannsroth 167 Euro.
Diese Sorgen gibt es im Norden des Landkreises nicht: "In Detter ist fast das ganze Wasserschutzgebiet bewaldet. In Zeitlofs ist auch ein Teil bewaldet", berichtet Gerhard Gunkel von der Gemeinde Zeitlofs. Deshalb gibt es dort auch keine Ausgleichszahlungen an Landwirte - wie auch in Bad Bocklet, Geroda, Motten, Münnerstadt, Nüdlingen, Riedenberg oder Elfershausen. Die Gemeinde Oberthulba zahlt Entschädigungen "nach Aufwand", deren Höhe aber nicht beziffert wird. Auch die Gemeinden Oberleichtersbach und Schondra sowie die Stadtwerke Bad Brückenau verweigerten die Auskunft über die Zahlungen an Landwirte.


Schwankungen in der Stadt

Die Rhön-Maintal-Gruppe versorgt im Landkreis Bad Kissingen die Gemeinde Oerlenbach sowie Teilbereiche von Bad Kissingen, Bad Bocklet und Burkardroth. Das Wasser dafür kommt aus Waldberg und Premich, die Nitratwerte liegen dort zwischen 2,7 und 11,5 Milligramm pro Liter. Noch komplizierter ist es in der Stadt Bad Kissingen: Hier liegen die Werte zwischen 4,2 Milligramm pro Liter im Klaushof und 28,4 in anderen Brunnen. In Poppenroth und Albertshausen kommen 8,3 Milligramm pro Liter Nitrat aus dem Hahn, in Arnshausen 17,4. Vor allem in der Kernstadt kann der Wert ganz erheblich schwanken, je nachdem wo das Wasser gerade her kommt. Genauere Auskünfte erteilen die Stadtwerke.