Es sind nur noch wenige Tage, dann entschiedet der Gemeinderat endgültig. Darüber, ob an der Poppenrother Höhe ein etwa 20 Hektar großes Industriegebiet errichtet wird oder nicht. Die Stralsbacher hoffen darauf, dass das Gremium die Pläne noch in letzter Minute stoppt. "Wir sind sicher, dass unser Versuch, mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, erfolgreich war", so Berthold Kröckel. Gemeinsam mit vier Mitstreitern der Interessengemeinschaft (IG) Stralsbach hatte er am 5. Juli Gelegenheit, die Argumente der Stralsbacher gegen das Industriegebiet in einer nichtöffentlichen Gemeinderatssitzung vorzubringen. "Wir haben außerdem an die Räte appelliert, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen", sagte Waldemar Straub von der IG am vergangen Dienstag in der Alten Schule.
Dort fand eine Informationsversammlung für die Bürger Stralsbachs statt. Dabei zogen vier Köpfe der IG, Berthold Kröckel, Waldemar Straub, Gerhard Kauf und Martin Pausewang, sowie Gemeinderat Bernd Müller, Bilanz darüber, was sich in den vergangenen Wochen so alles getan hat. Schließlich war es seit Mai ziemlich ruhig um die Aktivisten geworden. Die letzte öffentliche Aktion fand am 21. Mai statt. Da hatten die Stralsbacher an der Bundesstraße 286 ein Protestbanner aufgestellt (Wir berichteten). Allerdings mussten sie dieses auf Aufforderung des Landratsamtes wieder entfernen. Seit Anfang Juni steht das große Plakat nun am Ortseingang Stralsbachs, Richtung Bundesstraße.


Das Gespräch gesucht

"Wir haben statt weiterer Protestaktionen zunächst das Gespräch mit den Gemeinderäten gesucht", erklärt Berthold Kröckel, weshalb so lange nichts von der IG zu hören war. Denn es gehe den Aktivisten nicht darum, die wirtschaftliche Entwicklung des Marktes Burkardroth zu blockieren, sondern das Industriegebiet. "Deshalb haben wir den Gemeinderäten auch vorgeschlagen, auf der vorgesehenen Fläche parallel die Planungen für ein Gewerbegebiet vorzunehmen", so Waldemar Straub.
Doch warum wehren sich die Stralsbacher so vehement gegen das Industriegebiet? "Wir sehen in den Planungen zahlreiche Konfliktpunkte", erklärte Waldemar Straub in der Versammlung am Dienstagabend. Er ist als Bauingenieur tätig und verfügt somit auch über das nötige Wissen, die Festsetzungen des Bebauungsplanes zu analysieren und zu verstehen. Das Hauptaugenmerkt der Stralsbacher liegt nach wie vor beim Thema Immissionen und Lärm. Denn in einem Industriegebiet darf 365 Tage im Jahr rund um die Uhr gearbeitet werden, auch nachts. "Der Schall kann sich besonders dann ungehindert ausbreiten und wird nicht nur von den Stralsbachern zu hören sein, sondern auch in Lauter, in Burkardroth am Kirchberg und sogar bis hinauf nach Gefäll", ist sich Straub sicher. Zwar seien verschiedene Abschirmungsmaßnahmen eingeplant, wie etwa eine geschlossene Randbebauung. Doch die reichen nach seiner Ansicht bei weitem nicht aus. Ebenso sei die Lichtverschmutzung zu berücksichtigen. "Auch, wenn die Außenlampen nur nach unten leuchten dürfen, das Licht ist trotzdem weithin zu sehen", fügt er hinzu.


Geologische Besonderheiten

Als weiteres Problem sind seines Erachtens die geologischen Besonderheiten Stralsbachs zu betrachten. Der Ort liege in einem schmalen Tal der Kissinger Störungszone mit geologischen Verwerfungen, mit Lehm- und Lössschichten sowie zahlreichen Quellen. Regenwasser könne hier nicht versickern, sondern fließe ungehindert ab, weshalb bereits jetzt eine Hochwasserzone mit dem Faktor HQ 50 (Hochwasser, dass alle 50 Jahre vorkommt) im Ort ausgewiesen sei. In den Plänen für das Industriegebiet sei allerdings vorgesehen, dass dessen Oberflächenwasser in Gräben eingeleitet wird und dort versickert oder in Rückhaltebecken aufgefangen wird. Die sollen ihren Inhalt dann bei entsprechendem Wasserstand über den Stralsbach und Knöllbach ableiten. "Das ist eine sehr riskante Lösung", sagte Straub. Schließlich seien die Wetterlagen heutzutage regional nicht mehr genau vorhersehbar. "Wenn wir solche Regenfälle bekommen, wie die, die in den letzten Wochen in Südbayern niedergingen, dann bleibt bei uns bis runter zum Schmied nichts mehr übrig", fügte er hinzu.


Welche Betriebe kämen denn?

Kritisch sehen die Stralsbacher auch, welche Betriebe sich in dem künftigen Industriegebiet ansiedeln. Zwar habe die Gemeinde verschiedenen Festlegungen im Bebauungsplan hinterlegt, die aber leicht ausgehebelt werden könnten. "Eine Armada aus Rechtsanwälten hat heutzutage nichts anderes zu tun, als Kommunen und Bürger an der Nase herumzuführen", so Gerhard Kauf von der IG bei seinem Vortrag. Zudem sei die Gemeinde mit Beschluss des Bebauungsplanes fein raus, denn gegen einzelne Störungen könnten sich dann nur noch die Bürger in privaten Verfahren wehren. Kauf führte als anschauliche Beispiele die Probleme mit Firmen in Westheim und Wirmsthal an, die nur durch Proteste der Bürger und auf Kosten des Landkreises hätten gelöst werden können.
Dass es auch anders und sogar zu gesundheitlichen Gefährungen kommen kann, schilderte er ebenfalls. Als Beispiel dafür nannte er einen Betrieb in Wonfurt, Landkreis Hassberge, in dem Elektronikschrott recycelt wurde. Da dort Auflagen zur Einhausung und zu den Filteranlagen nicht eingehalten worden seien, hätten sich rings um die Firma nicht nur Lärm oder Gerüche ausgebreitet, sondern auch krebserregende und radioaktive Stoffe wie etwa Blei, Cadmium und Arsen. Die Bürger hätten sich darüber beklagt und schließlich erwirkt, dass das Gesundheitsamt eine Untersuchung der Bewohner im Umkreis von einem Kilometer veranlasste. "Dabei wurden enorme Rückstände im Urin und Blut sowie in Futtermitteln und Pflanzen festgestellt", schilderte Kauf. Zwar musste der Betrieb daraufhin eingestellt werden, jedoch klagte der österreichische Eigentümer vor dem Verwaltungsgericht. Erfolgreich, denn die Betriebserlaubnis wurde wieder erteilt. Inzwischen würden in der Wonfurter Firma Kabel recycelt, ein Mediationsverfahren laufe.


Lieber Gewerbegebiet

"Wir sehen in einem Gewerbegebiet einen längerfristigen Gewinn und Nutzen, nicht nur für Stralsbach, sondern für den gesamten Markt Burkardroth", fasste Berthold Kröckel die Argumentationen zusammen. Anschließend tauschte sich die Interessengemeinschaft mit den rund 100 anwesenden Stralsbachern über die weitere Vorgehensweise aus. Dabei wurde schnell deutlich: Sollte der Gemeinderat für das Industriegebiet stimmen, werden die Stralsbacher weiter dagegen vorgehen - und sowohl ein Bürgerbegehren als auch einen Bürgerentscheid beantragen.


Dazu ein Kommentar von kathrin Kupka-Hahn:
"Vergesst euer Ortsteildenken"

Seit Wochen wird diskutiert. Anlass dazu geben die Pläne für das neue Industriegebiet, das mitten in freier Natur zwischen Poppenroth und Stralsbach entstehen soll. Die Argumente dagegen sind durchaus nachvollziehbar. Denn wer möchte schon rund um die Uhr Lärm vor der eigenen Haustür haben. Manch einem reicht es schon, wenn die Rasenmäher jetzt im Sommer stundenlang zu hören sind. Oder wenn die Landwirte zur Erntezeit mit ihren Traktoren und Maschinen durch die Straßen rollen, die Mähdrescher bis spät in die Abendstunden arbeiten. Geräusche mit diesem Lärmpegel sind durch das Industriegebiet dann ständig zu vernehmen, nicht nur in Stralsbach, sondern auch in anderen Ortsteilen des Marktes. Doch gerade diese Bewohner winken bei Diskussionen ab, sagen: "Das betrifft uns doch nicht", andere wiederum belächeln den Protest der Stralsbacher. "Es entstehen neue Arbeitsplätze, wie kann man das blockieren?", sagen die nächsten. Die Frage ist, was das für Arbeitsplätze sind. Eine Antwort darauf kann niemand geben. Ebenso, was für Betriebe sich ansiedeln. Gehen wir nicht ein hohes Risiko ein? Deshalb sollte jetzt ein Ruck durch den Markt und seine Bewohner gehen, sollten die Bedenken der Stralsbacher ernst genommen werden. Vergesst endlich das kleinliche Ortsteildenken, sondern solidarisiert Euch! Denn Immissionen wie Feinstaub, Giftstoffe oder Lärm machen keinen Unterschied, in welcher Gemarkung sie sich niederlassen oder zu hören sind. Deshalb ist jeder von dem Thema betroffen, auch die Gemeinderäte. Sie müssen nächste Woche eine schwierige Entscheidung treffen. Und die betrifft nicht nur uns im Hier und Heute, sondern auch die Generationen nach uns.