Schiefer und Granit im Alpen- und Voralpenland sind eigentlich sein Geschäft: Der Österreicher Georg Hofer ist Diplom-Ingenieur für Bergwesen. "Ich arbeite hier zum ersten Mal mit Buntsandstein", sagt er und blickt auf ein derzeit rund 16 Meter tiefes und 20 Meter breites Loch. Einziger Nutzen der vier Millionen Euro teuren Grube: Von ihrer Sohle aus wird die Gas-Pipeline unter der Bahnlinie hindurch gebohrt - rund 100 Meter bis zum Berghang in Richtung Sinn. Danach soll alles wieder zugeschüttet werden. "Bis November sieht man von der ganzen Arbeit nichts mehr", sagt Hofer mit östereichischem Schmäh.
Die Gegend um Mottgers, also das Grenzland zwischen Rhön und Spessart ist für Georg Hofer Flachland. Allerdings ist er auch sonst nicht nur an steilen Bergen unterwegs, sondern baut Tunnel und verlegt Rohre knapp unter der Erdoberfläche. Oberhalb von Mottgers muss er 22 Meter in die Tiefe. Der Untergrund ist felsig, deshalb wird alle zwei Tage gesprengt. Hofer hat zwar selbst den deutschen Sprengschein - "Da hat jedes Land seine eigenen Vorschriften" - allerdings kommt dafür eigens ein Sprengmeister auf die Baustelle. Und ein Vertreter der Bahn. Und der Sicherheitsingenieur.
"Der Sandstein ist eher weicher, hat weniger Widerstand", sagt Hofer. Probleme macht nur das feuchte Wetter: "Wenn der Buntsandstein Wasser kriegt, wird er schmierig." Trotzdem gehen die Arbeiten schnell voran: Seit einem Monat wird der Boden abgetragen, seit zwei Wochen ist Hofer für die Grube zuständig, in einem Monat soll in 22 Metern Tiefe mit dem Bohren begonnen werden. Dazu wird in zwei Schichten von 5 bis 23 Uhr durchgearbeitet, sogar Sonntagsarbeit ist beantragt.
Gesprengt werden Schichten mit einer Dicke von gut 1,60 Metern, dann wird ausgegraben, der Rand betoniert, gebohrt und neu gesprengt. Oben wurde eine breite Grube mit rund 50 Metern Durchmesser gemacht, unten geht es mit einem rund 20 Meter breiten Loch weiter, ganz unten reichen gut zehn Meter für Bohrmaschine und Rohre.
Gebohrt wird im Mikrotunnelverfahren. "Der Bohrkopf sitzt auf dem ersten Rohr", berichtet Sicherheitsingenieur Götz Oberste-Padtberg. Durch die verschweißten Rohrteile müssen der Bohrkopf angetrieben und der Abraum herausgeschaffft werden. Unter der Bahnschiene kommen dickwandigere Rohre mit spezieller Beschichtung zum Einsatz.
Aufgeteilt ist der Bau der Pipeline in zwei Abschnitte. Oberste-Padtberg ist für den nördlichen Teil zuständig. "Die Station Weißenbach wurde erst einmal zurückgestellt", berichtet er über Planänderungen. Deshalb ist es dort derzeit ruhig. Außer einem einzelnen Baufahrzeug und 60 Rohrteilen weist nur ein Hügel aufgeschütteter Erde und die lange braune Schneise von Nord nach Süd auf das große Bauvorhaben hin.
Die Experten der "Open Grid Europe" aus Essen haben ihre Büros im Hammelburger Gewerbegebiet Thulbafeld aufgeschlagen, hier laufen die Fäden zusammen. Die Subunternehmen "PPS Pipelinesystems" und die "Friedrich Vorwerk Unternehmensgruppe" treiben den Bau von Hammelburg aus nach Norden und Süden voran. "Für die gesamte Strecke sind rund 350 Mitarbeiter im Einsatz", erklärt Projektleiter Andre Graßmann, und: "Die Investitionssumme beträgt insgesamt 130 Millionen Euro. "
"Mit dem Bau der Gasautobahn soll die Kapazität der Nord-Südversorgung erhöht werden", erläutert Graßmann. Der Bau gehöre ursprünglich nicht zur Energiewende, wenngleich "es sich gut einfügt", meint der Projektleiter. In Weißenbach sollen die Bauarbeiter Ende Juli wieder anrücken. "Voraussichtlich bis Ende August", schätzt Hoch- und Tiefbauleiter Michael Köhler. Bisher sind die Vorarbeiten abgeschlossen, also der Mutterboden auf einem 30 Meter breiten Korridor abgetragen und die Rohre sowohl ausgeliefert, als auch zu größeren Teilstücken verschweißt.

Länge 67 Kilometer lang wird die Erdgasleitung zwischen Sannerz und Rimpar bei Würzburg, zehn Kilometer liegen auf hessischer Seite, 57 auf bayerischer. Es handelt sich um eine ein Meter dicke so genannte Loopleitung, die die bestehende, 70 Zentimeter dicke Leitung ergänzt. Außer im Sinntal laufen die Leitungen parallel. Die neue Leitung ist auf einen Druck von bis zu 100 bar ausgelegt.

Kapazität 1,5 Millionen Kubikmeter Erdgas können pro Stunde durch die Leitung gepumpt werden. Das entspricht dem Jahresverbrauch von 500 Haushalten. Die zusätzliche Leitung versorgt vor allem Ostbayern.

Akten Alle Aktenordner für das Projekt ergeben laut Betreiber Open Grid Europe eine Länge von über 300 Metern. Der Antrag für das Raumordnungsverfahren wurde im April 2010 eingereicht, seit Frühjahr wird gebaut.

Arbeiten Für die Leitung müssen 28 000 Tonnen Stahl in den Boden: 18 Meter lange und 7,5 Tonnen schwere Einzelteile werden vor Ort verschweißt. Der Arbeitsstreifen (siehe Grafik unten) ist 34 Meter breit, in Waldgebieten wird er auf 24,5 Meter verengt. Zwischenstationen sind in Sannerz, Weißenbach, Weickersgrüben, Binsfeld und Rimpar.

Unternehmen Open Grid Europe (vormals E.on Gastransport) verfügt in Deutschland über ein 190 000 Kilometer umspannendes Pipelinenetz in Europa, davon 12 000 Kilometer in Deutschland. Jeweils 30 Prozent ihres Erdgases bezieht das Unternehmen aus Russland und Norwegen, 20 Prozent aus Holland, 10 Prozent kommen aus Deutschland und der Rest aus Dänemark und Großbritannien.