Das war wohl ein Rekord für die Ewigkeit - nach 30 Jahren Kissinger Sommer: Konzertbeginn: 20 Uhr, Kon-zertende: 23.15 Uhr in einem zur Sauna gewordenen Großen Saal. Die Kissinger mögen lange Konzerte, hieß es. Die Abstimmung mit den Füßen sah allerdings ein bisschen anders aus. Freilich, Lawrence Foster und sein Orchestre Philharmonique de Marseille mussten bis zum Schluss durchhalten, und sie stemmten diese herkulische Arbeit mit Bravour.
Die andere rekordverdächtige Zahl - aber die gab es schon mal: fünf Solisten, die alle einzeln auftraten. Man will ja nicht undankbar sein, aber da hätte man verlustfrei auch ein bisschen einsparen können.


Von allem ein bisschen

Das Programm von "Mozart mit Rhythm & Blues" war wieder das, was man eine bunte Mischung nennt: ein bisschen Operngala, ein bisschen Sinfoniekonzert, ein bisschen Schaulaufen in der Musikschule. Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen. Aber der eine hätte gerne etwas mehr Gesang gehabt, der andere etwas mehr Mozart, ein anderer mehr Kurioses, ein anderer wiederum überhaupt etwas Blues.
Immerhin begann das Konzert mit Mozart: mit dem musikalisch nicht allzu spektakulären A-dur-Konzert KV 414, das der Kubaner Jorge González mit wunderbar lyrischem Anschlag, aber auch ziemlich schüchtern spielte. Wenn man wusste, dass das das erste Orchesterkonzert des 22-jährigen KlavierOlymp-Gewinners 2015 war, konnte man dafür Verständnis haben. Er wird das Konzert mit jedem Mal freier, frecher, stärker auf die Pointen und das Orchester zu spielen. Da muss er einfach Erfahrung sammeln.
Und dann, als kontrapunktischer Event: die Sopranistin Simone Kermes. Dieses Mal nicht im schrillen Look der Femme fatale, sondern im frühlingshaft hellgrünen Krinolinenkleid mit blauen Tulpen. Sie sang leider nicht Mozart, aber mit drei Bravourarien von Rossini und "Tu del mio Carlo ... Carlo vive!" aus Verdis "I Masnaderi" konnte sie das Bedauern leicht in Schach halten. Es ist halt immer wieder erstaunlich, mit welcher spielerischen Mühelosigkeit sie singt, wie sie Vergnügen hat an den schwierigsten Koloraturen, die sie sich auch noch verschwierigt, wie sie trotzdem locker und farbenreich mit der Sprache umgeht und wie sie mühelos in Höhen klettert, wo sie auf die Königin der Nacht herunterschauen kann - und vor allem diese Töne nicht nur anspitzt, sondern auch ziemlich lange hält.


Glaubwürdige Gestik und Mimik

Und es ist, wenn man an so manche Operngala denkt, einfach auch toll, wie sie ihre Rollen verkörpert, wie sie aus sich herausgeht, glaubwürdig wird in der Gestik und Mimik. Wenn Amalia in den "Masnaderi" etwa erfährt, dass Carlo doch noch lebt, dann freut sie sich nicht nur, sondern dann tanzt sie vor Freude - natürlich ohne ihre wie immer hochhackigen Schuhe. "Halten Sie Ihr Herz offen für das Neue in den kommenden Kissinger Sommern", forderte sie zum Schluss das Publikum auf.
Jeweils zwischen den Arien traten die übrigen Solisten an die Rampe. Thomas Leleu, Tubist des Orchesters, hatte sich bereits im vergangenen Jahr vorgestellt. Dass die schwere Tuba ein höchst bewegliches Instrument ist - wenn man sie so spielen kann wie Leleu - wusste man also schon. Die vier "Fables" für Tuba und Streichorchester von Richard Galliano brachten keine neuen Erkenntnisse. Vielleicht ergeht es ihnen einmal wie Chopins Grande Polonaise et Andante spianato: Da hat man auch vergessen, dass es einmal eine Orchesterbegleitung gab. Interessant wurde eigentlich nur die zweite Fabel, als Leleu plötzlich zweistimmig blies und ganz erstaunliche Klangfarben erzeugte.
Etwas verschenkt war "Halil" für Flöte und Orchester, das Leonard Bernstein zum Gedenken an den 19-jährigen israelischen Flötisten Yadin Tanenbaum geschrieben hat, der 1973 im Jom-Kippur-Krieg in einem Panzer verglüht ist. Ob Virgile Aragau, Flötist des Orchesters, der den Solopart spielte, das wusste, ist fraglich. Denn im Gegensatz zum Orchester blieb Aragau expressiv und körpersprachlich höchst distanziert.


Richtige Frau mit falschem Stück

Der 19-jährigen Liechtensteiner Geigerin Sara Domjanic konnte man sehr gut zuhören, nur spielte sie irgendwie das falsche Stück. Zum einen hatte das spätromantische Violinkonzert g-moll op. 26 von Max Bruch keine stilistische Erdung in dem Programm. Zum anderen spielte sie mit einem nicht allzu großen, aber wunderbar klaren Ton, dass ein bisschen der Eindruck von Unterforderung entstand. Sie sollte sich ein paar "dreckige Töne" angewöhnen, die nach Arbeit klingen.
Und dann gab es doch noch rein orchestrale Musik: Das sensibel gespielte Adagietto aus Bizets "Arlesienne-Suite" widmete das Orchester den Opfern von Nizza. Und dann wurde es noch einmal rhythmisch deftig und trotzdem unerwartet delikat bei "Saturday Night Waltz & Hoedown" aus dem Ballett "Rodeo" von Aaron Copland.