Mariusz P. Woznica versteht die Welt nicht mehr. Jahrelang wurde sein Nachname ohne Akzent über dem Buchstaben "z" geschrieben. Im Personalausweis, im Führerschein und in allen anderen Papieren. Nun ist alles anders: "Das geht nicht mehr", sagt ein Mitarbeiter des Bürgerbüros im Bad Kissinger Rathaus. Das Gesetz habe sich geändert, soll er begründet haben. Deshalb dürfe der Name nur noch mit Original-Buchstaben aus dem Polnischen geschrieben werden - mit Akzent. Woznica hat davon noch nichts gehört. "Ich wollte doch bloß einen neuen Reisepass", sagt der gebürtige Pole, der seit 2002 deutscher Staatsbürger ist. 60 Euro hat er bezahlt - für ein Dokument, das er so nicht haben wollte. Zudem soll ihm der Standesbeamte empfohlen haben, eine Namensänderung zu beantragen. Erst dann könne er den Familiennamen auch ohne Akzent im Reisepass eintragen.

Völlig aufgelöst sitzt der 55-Jährige da und erzählt seine Geschichte. Schweißperlen treten ihm währenddessen auf die Stirn, fließen die Schläfen hinunter. Sein Atem geht schnell. So sehr regt ihn die Geschichte auf. "Hier sehen Sie, bisher wurden meine Namen immer ohne Akzent und ohne Strich geschrieben", sagt er und legt hektisch und mit zittrigen Fingern auch noch seinen Rentner- und den Fischereiausweis auf den Tisch.
Sind diese Dokumente nun ungültig? Muss er sie ändern lassen? Oder ist das alles bloß Schikane? Weil er ausländische Wurzeln hat? Allesamt Fragen, die ihn quälen. "Dabei sagt Frau Merkel, wir Ausländer sollen uns integrieren. Doch es wird uns ganz schön schwer gemacht", betont Woznica.

Der 55-Jährige spricht sehr gutes Deutsch, hat blaue Augen, dunkelblonde Haare. Er sieht aus wie ein durchschnittlicher Mittfünfziger. Lediglich sein Akzent verrät seine Herkunft. "Wissen Sie, am schlimmsten ist die Hilflosigkeit." Mariusz P. Woznica lebte bis 1986 in Polen. Schön war es dort nicht, sagt er heute. Lebensmittel gab es damals nur auf Zuteilung, ständig drohten Schwierigkeiten mit der Polizei. "Die durften doch machen, was sie wollten." Deshalb floh er nach Schweden, aber dort wurde sein Asylantrag abgelehnt. Schließlich machte sich der damals 25-Jährige auf den Weg nach Deutschland. "Von Dänemark aus bin ich nachts über die grüne Grenze bis nach Flensburg", erzählt er. Einzige Orientierung habe ihm dabei die Autobahn geboten. "Ich musste immer auf den Lärm links hören", erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. Heute hat Woznica ganz andere Probleme - unter anderem mit seinem Reisepass.

Auf Nachfrage im Bad Kissinger Rathaus bestätigt Sprecher Thomas Hack den Fall. "Der hat jedoch einen komplexen Hintergrund", sagt er. Für die neue Schreibweise in Woznicas Reisepass hat der Rathaussprecher jedoch eine einfache Erklärung. Es habe schon immer die Regelung gegolten, die Originalbuchstaben zu verwenden. "Jedoch war das technisch bisher nicht umsetzbar", erklärt Hack. Deshalb habe der Beamte im Bürgerbüro Mariusz P. Woznica nun auch darauf hingewiesen, dass er eine Namensänderung beantragen könne, um die polnische Schreibweise dem deutschen Sprachgebrauch anzupassen. Dies sei laut dem Rathaussprecher gängige Praxis. "Viele Einwanderer aus osteuropäischen Ländern haben in der Vergangenheit die Namensänderung beantragt", fügt er hinzu. Eine Mitarbeiterin aus dem Bürgerbüro bestätigt das. Momentan seien diese jedoch weniger gefragt.

Ganz anders reagiert Ana Maria Benevidas Werner. Sie ist die Integrations-Beauftragte der Stadt Bad Kissingen und zeigt großes Verständnis für Mariusz P. Woznicas Aufregung. Ihr selber ist ein solcher Fall bisher nicht bekannt. "Ich würde nachbohren, ob das rechtens ist", sagt sie auf Nachfrage dieser Zeitung. Zudem empfiehlt die gebürtige Brasilianerin dem Bad Kissinger mit polnischen Wurzeln, sich mit der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY) in Verbindung zu setzen. "Die sitzen in Nürnberg und München und haben mehr Erfahrung mit so etwas", sagt sie. Denn nicht immer, so ihre Erfahrung, würden Auskünfte des Bürgerbüros stimmen. Benevidas Werner selber würde die geänderte Schreibweise mit den polnischen Buchstaben im Reisepass auch nicht akzeptieren. Schließlich hätten alle anderen Ausweisdokumente sie ebenfalls nicht. "Es gibt Länder wie etwa die USA, da könnte der Mann deswegen Probleme bekommen", sagt sie. Und dann hätte er noch mehr Ärger.