Die Zeugen werden üblicherweise im Gerichtssaal vernommen, um das Tatgeschehen aufzuklären. Bei der jüngsten Verhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung aber konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren: Je mehr Zeugen ihre Version zum Besten gaben, desto verworrener und nebulöser wurde das Bild vom Tatablauf. Die Folge: Nach mehr als drei Verhandlungsstunden verfügte Amtsrichterin Ilona Conver eine Einstellung der Anklage gegen Zahlung einer Geldbuße von 1500 und 700 Euro.
Tatort war der unmittelbare Bereich vor der Hofheimer Discothek. Nach einer Veranstaltung kam es hier in den frühen Morgenstunden des 25. April 2015 zu einem gewalttätigen Streit zwischen zwei Jugendcliquen, bei denen sich die beiden Angeklagten - es handelte sich um zwei Brüder im Alter von 24 und 31 Jahren - "nicht mit Ruhm bekleckerten", wie Rechtsanwalt Tilman Fischer treffend formulierte. Im Kern ging es darum, ob die beiden gemeinschaftlich einen 26-jährigen Studenten aus Pfarrweisach mit drei gezielten Kopfstößen zu Boden geschickt hatten und ob der Ältere der beiden anschließend dem bereits am Boden liegenden Opfer mit zwei brutalen Schlägen ins Gesicht das Nasenbein gebrochen hatte.


Schläge bestritten

Die Beschuldigten, sekundiert von ihren Verteidigern Fischer und Jürgen Borowka, behaupteten, zwar in ein "Gerangel" verwickelt gewesen zu sein, aber selber nicht zugeschlagen zu haben. Vielmehr, gaben sie zu Protokoll, seien sie beim Verlassen der Disco als "Hurensöhne" beschimpft worden. Und bei der nachfolgenden Rempelei, bei der sie sich angeblich nur "wehren" wollten, hätten sie selber 'was abgekriegt. Während bei dem 31-Jährigen der Rücken aufgeschürft war, hatte sein jüngerer Bruder ein blaues Auge davongetragen. Ein Freund der beiden, der damals ebenfalls vor Ort war, hatte die Verletzungen mittels seines Handys dokumentiert und zeigte die Aufnahmen dem Gericht.
Ein völlig anderes Bild vom Tatablauf ergab sich bei der Vernehmung des Opfers und seiner drei Freunde, die alle aus dem Raum Pfarrweisach stammen. Demnach verhielten sich die Brüder bereits vorher in der Bar sehr aggressiv. Einige hatten den Eindruck, dass die aus dem Maintal kommenden Angeschuldigten regelrecht Streit suchten. Als die Disco schloss und man nach Hause gehen wollte, hätten die beiden vor der Tür gelauert und sich gezielt den Studenten vorgeknöpft. Nach dem Showdown musste dieser außer der gebrochenen Nase auch seine aufgesprungene Lippe und den aufgeschürften Ellenbogen im Krankenhaus ambulant behandeln lassen.


Fast alle waren "blau"

Die Aussagen des Opfers und seiner Freunde waren allerdings nicht widerspruchsfrei, und die beiden Anwälte trieben die Belastungszeugen mit Fragen nach dem detaillierten Vorgang immer wieder in die Enge. Nachvollziehbar waren die Unstimmigkeiten und Erinnerungslücken vor allem aufgrund der Tatsache, dass - abgesehen von einem der Beteiligten - alle anderen ziemlich "blau" waren. Ganz vorne in der Alkohol-Rangliste rangierten die Brüder mit rund 2,5 Promille.
Nach Abschluss der Beweisaufnahme reichte es dem Gericht nicht zu einer Verurteilung. Nur widerstrebend stimmte Staatsanwältin Anne Christine Breit einer Einstellung mit Geldauflage zu. Immerhin wird es für die Brüder nicht ganz billig. Zum einen müssen sie die - sicher im vierstelligen Bereich liegenden - Rechnungen für ihre Advokaten begleichen. Und dann die gerichtlich festgesetzten Beträge bis 30. April 2016 überwiesen: Der Ältere insgesamt 1500 Euro, wobei 500 davon quasi als Wiedergutmachung an den übel zugerichteten Studenten gehen und die restlichen 1000 an den Weißen Ring. Der Jüngere muss 700 Euro berappen, zahlbar ebenfalls an den Weißen Ring.