Zu einer Spurensuche jüdischen Lebens in Bad Kissingen hatte der Bad Kissinger Frauenring Mitglieder und Gäste eingeladen - als erste Veranstaltung im Herbstprogramm des Vereins. Frauenring-Mitglied Marlies Walter, die eine ausgewiesene Kennerin der jüdischen Geschichte Bad Kissingens ist, führte im Rahmen eines Stadtspaziergangs zu den Wohn- und Geschäftshäusern bekannter jüdischer Familien und ließ dabei deren oft sehr traurige Geschichte in der Kurstadt wieder lebendig werden.
Bis zu ihrer Zerstörung in der NS-Zeit besaß Bad Kissingen eine der größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Bayern, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Die zahlreichen "Stolpersteine", die in den vergangenen Jahren zum Gedenken an die Opfer des Nazi-Regimes vor deren Wohn- oder Wirkungsstätten in Bad Kissingen verlegt worden waren, begleiteten die Gruppe des Frauenrings auf ihrem Weg durch die Stadt.
Ausgangspunkt der Führung bildete der "Judenhof" in der Bachstraße. Um 1850 habe man in der Bachstraße die Alte Synagoge errichtet, als diese zu klein wurde, wurde an der Maxstraße um das Jahr 1900 die Neue Synagoge erbaut. 1927/28 wurde die Alte Synagoge abgerissen. Weiter führte der Rundgang die Gruppe über den Wahlerbräu-Parkplatz zum jetzigen Hotel "Bayerischer Hof", über die Theresienstraße in den Rosengarten, wo einst die Familie Kugelmann einen internationalen Kunst- und Antiquitätenhandel betrieb, erzählte Marlies Walter.
Auf ihrem Weg kam die Gruppe des Frauenrings an dem ehemaligen Juweliergeschäft der jüdischen Familie Rosenau vorbei, das sich direkt am Kurgarten im Haus Collard befand. Hier hatte Simon Rosenau 1907 die Amtskette des Bad Kissinger Oberbürgermeisters angefertigt, die auch heute noch in Gebrauch ist.
Am Balling-Bazar konnte man noch Reste einer Verätzung im Schaufenster-Glas eines Ladens erkennen - damit sollten die Geschäfte jüdischer Besitzer gekennzeichnet werden, so Walter. Nach 1933 seien alle jüdischen Geschäfte boykottiert worden, 1938 hätten dann auch die jüdischen Ärzte ihre Approbation verloren.
In der Ludwigstraße gab es die Bankiersfamilie Löwenthal. Ludwig Löwenthal hatte sich neben seinem Beruf auch politisch sehr engagiert, deswegen musste er schon frühzeitig nach Amsterdam emigrieren, wurde dort aber 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo er im Februar 1944 verstarb.
Etliche große Geschäfte gehörten jüdischen Besitzern, so das Modehaus der Familie Ehrlich. Die Familie Ehrlich sei eine typisch deutsch-jüdische Familie gewesen, erzählte Marlies Walter, eine Familie, die gut integriert war. Hans-Josef Ehrlich, der 1921 geboren wurde, musste 1938 in das damalige Palästina emigrieren, wo er mit seinem neuen Namen Joske Ereli im Kibbuz En Gedi am Toten Meer eine neue Heimat fand - er sei später Initiator und aktiver "Motor" der Partnerschaft zwischen den Landkreisen Bad Kissingen und Tamar gewesen, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde. Sein Vater Ludwig Ehrlich führte mit Ehefrau Grete und seinem Bruder Franz das angesehene Modehaus "Felix Ehrlich" in der Ludwigstraße 17, damals das größte Geschäft der Gegend. Sein Großvater war 1908 als erster Jude in den Bad Kissinger Magistrat gewählt worden.
An vielen Häusern blieb die Gruppe stehen, und Marlies Walter wusste viele Geschichten über die ehemaligen Bewohner zu berichten. Den Schlusspunkt der Führung setzte Marlies Walter am früheren jüdischen Gemeindehaus, neben dem die ehemalige Synagoge gestanden hatte.
Nach der Kristallnacht musste die jüdische Gemeinde die Synagoge an die Stadt verkaufen, die diese dann bald abreißen ließ. In diesem Gemeindehaus befand sich die Wohnung des langjährigen Kantors Ludwig Steinberger. Als den Steinbergers klar geworden sei, dass es für Juden in Deutschland gefährlich werden würde, schickten sie ihre ältesten Söhne Hans und Herbert in die USA. Dort wurde aus Jack, wie Hans jetzt hieß, ein Physikprofessor und Nobelpreisträger von 1988.
Erst durch die Verleihung des Nobelpreises seien wieder Kontakte zu Bad Kissingen entstanden - nach seiner Wiederbegegnung mit seiner Geburtsstadt, wo er vor allem in Alt-OB Georg Straus einen engen Freund gewann, berichtete Marlies Walter. 2001 habe man das Gymnasium nach dem berühmten Sohn der Stadt benannt. red