Allgegenwärtig, für Viele belastend und dennoch lange medizinisch vernachlässigt - Chronischer Stress. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht in ihm die größte Gesundheitsgefahr des Jahrhunderts.
Wolfram Kersten, Facharzt für Innere Medizin, weiß wieso. Als Ärztlicher Leiter des Stresszentrums Bamberg, klärt er über Hintergründe und Risiken auf.
Am Donnerstag, dem 9. November, hält er einen Vortrag im Hegel-Saal der Bamberger Konzerthalle. Beginn 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Was bedeutet Stress für Sie? Und was macht ihn so gefährlich?

Wolfram Kersten: Am besten versteht man diesen Begriff, wenn man sich klarmacht, dass Stress stets mit einer sehr hohen Aktivität unseres Gehirns verknüpft ist. In solchen Situationen steigt der Energiebedarf des Gehirns von 20 Prozent im entspannten Zustand auf etwa 90 Prozent der täglich zugeführten Kalorien an.
Das Gehirn, das übrigens in "egoistischer Weise" den Energiehaushalt des Organismus steuert, kann sich dann nur so behelfen, indem es sich und den gesamten Organismus zunächst durch Aktivierung des Sympathischen Nervensystems in einen "Alarmzustand" versetzt.
In der Folge kommt es zur vermehrten Ausschüttung von Kortisol und Adrenalin über die Nebenniere, die nun die Aufgabe haben, Energie in Form von Glukose aus den Depots des Organismus zu mobilisieren und dem Gehirn zur Verfügung zu stellen.
Gefährlich wird Stress dadurch, dass dieser Alarmzustand, der in akuten Situationen lebensrettend sein kann, in einen "chronischen Alarmzustand" übergeht. Denn unter chronischer Stressbelastung kommt es zu gravierenden, Stoffwechselumstellungen, die die wesentliche Ursache eines Großteils unserer chronischen Zivilisationserkrankungen sind. Es ist durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten belegt, dass die chronische und damit übermäßige Ausschüttung von Noradrenalin, Kortisol und Glutamat, ein Nervenbotenstoff, der in Gehirn ausgeschüttet wird, die eigentlichen Ursachen für gravierende Zellschäden bis hin zum so genannten Zelluntergang sind.
Dies betrifft alle Organe und Organsysteme. Deswegen ist chronischer Stress so gefährlich, denn er ist die zentrale Ursache für Erkrankungen wie Bluthochdruck, erhöhte Infektanfälligkeit, Diabetes mellitus Typ II, Adipositas und Metabolisches Syndrom sowie eine Zunahme des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos.

An wen richtet sich Ihr Vortrag?
Mein Vortrag richtet sich an alle, die über diese Zusammenhänge nicht informiert sind und nicht erst darauf warten wollen, bis sich die ersten Erkrankungssymptome melden, sondern daran interessiert sind, ihre Gesundheit und damit ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Wie beuge ich stressbedingten Erkrankungen vor?
Grundvoraussetzung ist zunächst einmal, dass ich mir bewusst werde, dass ich ein Leben führe, das mich in einen chronischen Stresszustand versetzt.
Dies ist gar nicht so einfach, denn in 75 Prozent der Fälle sind die Stressoren, Auslöser für die chronische Stressreaktion des Organismus, unbewusster Natur. Die Ursache hierfür kann in Persönlichkeitsmerkmalen liegen, die in der Regel erziehungsbedingter, aber auch gesellschaftlich bedingter Natur sind.
Übertriebener Perfektionismus, übersteigerte Verausgabungsbereitschaft und die Unfähigkeit, abzuschalten, sind solche Persönlichkeitsmerkmale.
Wenn ich mir also meines stressbedingten Erkrankungsrisikos bewusst bin, kann ich die notwendigen Änderungen einleiten. Wichtig ist ein gesundes Verhältnis zwischen Belastung und Entspannung, dass ich allerdings bewusst durch Änderung meiner bisherigen Lebensphilosophie herstellen muss.
Es hilft bewusste und naturbelassene Ernährung, die mich ausreichend mit Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen versorgt und der vermehrten Belastung meines Organismus gerecht wird. Auch der konsequente Einbau von körperlicher Aktivität in meinen Alltag.
Der täglich 30-minütige Spaziergang, die Fahrt von der Wohnung zum Arbeitsplatz und zurück mit dem Fahrrad und alle anderen sportlichen Aktivitäten, die den Betroffenen Freude machen sollten, können hier schon "Wunder" bewirken.
Von enormer Bedeutung ist das Erlernen einer Technik, mit der ich mein Gehirn entlasten und wieder in einen Entspannungszustand überführen kann.
Eine Kombination beispielsweise, aus Achtsamkeitsmeditation, sanften Yogaformen und dem so genannten Body Scanning, dem sogenannten MBSR-Training nach Prof. Kabat Zinn.
Psychotherapeutische Unterstützung ist vor allem für jene Personen sinnvoll, die gravierende traumatische Erfahrungen durchgemacht haben (frühkindlicher Missbrauch, Vergewaltigung, Kriegserfahrungen).

Sie setzen bei Ihrer Behandlung nicht bei den Symptomen, sondern bei der Ursache, dem Stress an. Wie können Sie so den Patienten helfen?
Wie schon erläutert, ist die Bewusstmachung der eigentlichen Ursachen einer stressbedingten Erkrankung von essenzieller Bedeutung. Deswegen ist es auch wichtig, eine sehr ausführliche, so genannte Stress Anamnese zu erheben, die in der Regel schon ein bis eineinhalb Stunden dauern kann.
Dabei wird häufig schon klar, wie es zur Entwicklung eines schweren Erschöpfungssyndroms oder Burnout-Syndroms kommen konnte. Das Gleiche gilt auch für Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Koronare Herzerkrankung, auch hier finden wir typische Lebensgeschichten, in denen die eigentliche Wurzel der entwickelten Erkrankung zu finden ist.
Sind diese Zusammenhänge dem Patienten klar geworden, dann kann man ihm mit jenem Rüstzeug, das ich gerade erläutert habe, sehr gut helfen. Entscheidend ist hier der unbedingte Wille des Patienten, gesund werden zu wollen, genauso wichtig sind die Konsequenz und die Disziplin, mit der er die entsprechenden Empfehlungen und Vorschläge umsetzt.

Ist Stress die größte Gesundheitsgefahr des Jahrhunderts? Was können wir dagegen unternehmen?
Aus meiner Sicht und klinischen Erfahrung, besonders aber gestützt auf eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien aus der Stress- und Hirnforschung, ist eine chronische Stressbelastung tatsächlich "Die größte Gesundheitsgefahr unseres Jahrhunderts". Wenn uns dies einmal bewusst ist und wir Verständnis dafür entwickeln, welche vielen Faktoren unser Gehirn "in Aufruhr" bringen, dann können wir uns mit den präventiven und therapeutischen Möglichkeiten sehr gut vor den Auswirkungen chronischer Stressbelastungen schützen.
Zu den Stressoren, von denen es Hunderte gibt, gehören übrigens auch chronische Lärmbelästigung, PC Arbeit an schlechten Monitoren und die exzessive praktizierte Ablenkung mit Computerspielen, die unser Gehirn in einen "chronischen Alarmzustand" versetzen.

Die Fragen stellte Oliver Urbanke