Kurzerhand ist man für William Wahls Konzert am Freitagabend in die Alte Schule von Loffeld umgezogen. Hier stimmt einfach die Atmosphäre mit der bescheidenen Zuschauerzahl überein.

Der schmächtige, fast bübische grauhaarige 40-Jährige nimmt es sportlich. Er hat ein dermaßen einnehmendes Wesen und eine Bühnenpräsenz, die sich gewaschen hat. Einzigartig seine Aura und sein Charisma, wenn er am Flügel vollkommen in sich aufgeht und augenscheinlich spitzbübisch schelmisch seinen feinsinnigen Humor versprüht.

Den Traum seines Berufswunsches "Musikkabarettist" habe er sich endlich erfüllt, bislang war er mit der bekannten A-cappella-Band "Basta" unterwegs. Will man seine Lieder einordnen, kommt einem folgende Metapher in den Sinn: Man stelle sich mehrere Eimer voll Sand vor, die er hoch und runter hebt und senkt und dabei den Sand rausrieseln lässt, am Ende jedes Eimers wird einem ein Backstein - wumm, zack - schnell noch vor den Latz gebraten, so unberechenbar sind seine Texte. Ganz wunderbar beherrscht er das Täuschungsspiel von zartem, fröhlichem Gesang in Dur unterlegt mit bitterbösem Text im Wechselspiel bis zum Schreien, wenn er Schmerz und Melancholie ausdrücken will. Max Raabe und Bodo Wartke lassen grüßen.

Wolf im Schafspelz

Aber er kann noch böser im Deckmäntelchen des Harmlosen oder als Wolf im Schafspelz. Bemerkenswert seine Stimme, die gefühlte drei Oktaven umfasst, mit beeindruckender glockenheller und reiner Kopfstimme. Virtuos beherrscht er die Klaviatur und das Zusammenspiel mit ausgeklügelten bissigen Texten. Zu schade, dass nicht mehr Menschen in Loffeld waren, um den Künstler live zu erleben. Einen Vorteil hatte das Ausweichen vom Brauereisaal in die Alte Schule jedoch - dort steht der Flügel.

Besser ausgedrückt von Tanja Dowerg, der Organisatorin: "Wer nicht kommt, hat was verpasst. Und wer da war, erzählt den Nichtgekommenen, was sie verpasst haben." So plaudert er zunächst ein wenig aus dem Nähkästchen - seine Kindheit sei von Futterneid als eines von vier Kindern geprägt gewesen, und er beklagt sich, dass die Eltern zu wenig gekocht hätten. Die dachten wohl anders als die heutigen Helikoptereltern: "Unsere Kinder sollen es mal genauso schwer haben wie wir."

Er kokettiert, schon immer ein Sonderling gewesen zu sein, habe nur gelesen und Klavier gespielt und sich Geschichten und Zeitreisen und den eigenen Tod vorgestellt. Traurig und schön zugleich die Vorstellung, wie sein Tod von den Angehörigen bedauert werde. Und schaurig-schön makaber singt er das Lied über den Tod, der kein Tabuthema sein solle. Der typische Songwriter habe ja was maskulin Versoffenes, behauptet er - der Liedermacher was pädagogisch Verkniffenes.

In der Verzweiflung baden

Aber ein echter Chansonnier, so wie er, wäre fähig, von unglaublich traurigen Dingen zu singen, und sich in seiner Verzweiflung und Melancholie zu baden - das können die Franzosen wie niemand anders. Dieses Lebensgefühl wolle er ins Deutsche übersetzen. So schön locker, flockig, schnulzig, fröhlich, viel Lalala-Gesang sein Liebeskummer-Lied "Ich will, dass du glücklich bist". Der Refrain endet in einem verzweifelten voluminösen Aufschrei. Er sei ja so dankbar, dass das Publikum nicht ständig reinrufe, da er nicht schlagfertig genug sei. Die Dame, die sein Programm zu düster fand, der hätte er gerne entgegnet, dass sie hässlich sei. Überhaupt sei er einer der nettesten Menschen, die er kenne. Was dazu führte, dass er sein vollgetanktes Auto für 50 Euro verkauft habe.

Shitstorm nur für sich

In vielen seiner stets satirischen Songs hält er der Gesellschaft den Spiegel vor - da geht es schon ans Eingemachte. Legendär sein "Shitstorm" über einen Menschen, der sich selber googelt und aus Verzweiflung, dass er nichts findet und nicht wichtig genug ist, wolle er "endlich mal 'nen Shitstorm ganz allein für sich", mit der Androhung, dass irgendwann etwas Schlimmes passiere. Den Amoklauf kann man nur erahnen.

Oftmals ist das Publikum sichtlich ergriffen und sitzt teilweise mit offenem Mund da. Das ist wohl auch sein größter Applaus. Am Ende, als er, der erst kürzlich Vater wurde, seinen sehr autobiografischen Song "Schicke Kita" frei vertont nach Abbas "Chicitita" bringt, jubelt und stampft es.