von unserem Redaktionsmitglied 
klaus schmitt

Westheim — Westheim, jetzt ein Gemeindeteil von Knetzgau, war einst ein wichtiger Ort jüdischen Lebens im Gebiet des heutigen Kreises Haßberge. Die jüdischen Mitbürger wurden, wie alle Juden im Dritten Reich, verfolgt. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde von den Nazis ermordet.
Die glückliche Flucht der jungen Ella Mahler aus Westheim nach der Reichspogromnacht 1938 ist die Ausnahme. Andere Westheimer Juden hatten dieses Glück nicht und wurden getötet.
Westheim hatte seit dem 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, wie die Internet-Plattform "alemannia-judaica.de" berichtet. Das waren teilweise über 100 Menschen.
Die jüdische Gemeinde hatte eine Synagoge, eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Synagoge wurde 1913 erbaut, nachdem zuvor das alte Synagogengebäude eingestürzt war.
Neben ihr befanden sich das Gemeindehaus/Schulhaus mit den Räumen der jüdischen Schule und ein rituelles Bad. Die Gebäude blieben nach 1945 erhalten. Die ehemalige Synagoge wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Das ehemalige Gemeindehaus/Schulhaus wurde als Speicher verwendet. Es wurde 2008 abgerissen, weil es sich in einem äußerst baufälligen Zustand befand. Die frühere Synagoge, heute im Privatbesitz, steht noch.

SA-Leute aus Haßfurt kamen

Weiter zur Geschichte: 1933 wurden laut "alemannia-judaica.de" noch 43 jüdische Einwohner in Westheim gezählt. In den folgenden Jahren sind nur wenige jüdische Einwohner vom Ort weggezogen. Anfang Juli 1938 lebten 33 jüdische Einwohner im Dorf. Beim Novemberpogrom 1938 kamen SA-Leute aus Haßfurt und Umgebung in drei Lastautos nach Westheim, und ein ortsansässiger SA-Mann schloss sich ihnen an. Sie drangen in die Häuser von sechs jüdischen Familien ein, zertrümmerten Fenster, Möbel und Hausrat, zerrissen Bilder, stahlen Wertgegenstände und warfen Waren auf die Straße. Zwei Juden wurden brutal verprügelt.
Alle jüdischen Männer wurden festgenommen und in die Synagoge gebracht. Hier wurden sie in zwei Reihen an den Fenstern aufgestellt, von wo aus sie die Zerstörung der Möbel, der Ritualien, des Toraschreins und der Leuchter mit ansehen mussten. Die Torarollen und religiösen Bücher wurden auf der Straße aufgeschichtet und in Brand gesteckt. Etwa 200 Dorfbewohner hatten sich als Zuschauer an der Westheimer Synagoge versammelt.

Prügelattacken

Mit eigenen Augen hatte das damals der heute 88-Jährige Oswald Kuhn beobachtet: "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie brave, harmlose Menschen misshandelt wurden. Ein ganzes Dorf stand sprachlos daneben. Auch wir", schilderte der Westheimer unserer Zeitung bei einer Gedenkfeier zur Reichspogromnacht 2012.
Bis in die Gegenwart hört er die Schreie des 20-jährigen Juden Max Mahler, der gewaltsam mit Stöcken in einen Viehtransporter geprügelt wurde. Und er sieht Mandus Frankfelder vor sich, der beschimpft und getreten wurde. Zwei Männer hielten ihn fest, sonst wäre er zusammengebrochen.
Die Nazi-Schergen sollen den alten Mann sogar so aufgestellt haben, dass er den Rauch der brennenden Gegenstände einatmen musste. Frankfelder hatte als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg einen Giftgasangriff mitgemacht und litt seither unter Atemnot, wie Cordula Kappner herausgefunden hat, die seit Jahrzehnten die jüdische Geschichte und das Schicksal jüdischer Familien im Gebiet des heutigen Landkreises erforscht.

Niemand kam zurück

Nach den Aktionen in der Synagoge wurden die Juden auch von nichtjüdischen Dorfbewohnern verspottet und beleidigt, als man sie auf Viehwagen in das Gefängnis von Haßfurt abtransportierte, so schildert die Internet-Plattform "alemannia-judaica.de" weiter. Auch einige Nichtjuden, die den Juden ihre Sympathie ausgedrückt hatten, wurden attackiert. Der evangelische Pfarrer und seine Frau, die gute Beziehungen zu den Juden unterhalten hatten, wurden in derselben Nacht verhaftet und einen Tag im Gefängnis gehalten.
In der Folgezeit wurde massiver Druck auf die jüdischen Familien ausgeübt, vom Ort wegzuziehen. Am 2. September 1940 mussten alle noch verbliebenen jüdischen Einwohner in einem Haus zusammenziehen. Anfang Januar 1942 wohnten noch 21 Juden im Dorf, darunter fünf aus der Umgebung zugezogene. Sie wurden mit den Deportationen im April und September nach Izbica bei Lublin oder nach Theresienstadt deportiert. Niemand kehrte zurück.