In diesem Jahr standen die Fastenpredigten in der Basilika Vierzehnheiligen unter dem Titel "Die vier Evangelisten". Die vierte und letzte Predigt hielt Weihbischof Herwig Gössl aus Bamberg.
Er sprach über das Markusevangelium. "Es ist mir ein bisschen ans Herz gewachsen", bekannte der Geistliche. Das sei nicht immer so gewesen. Lange Zeit sei es ihm der Text ein wenig einfältig und primitiv erschienen. Doch dann hätten ihm neuere Bibelwissenschaftler einen Schlüssel für das bessere Verständnis in die Hand gegeben. Markus hätte sein Evangelium um 60 n. Chr. geschrieben, vor oder nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Vor dem Hintergrund einer religiösen und humanitären Katastrophe fragten auch heute noch die Menschen: Wie kann das sein, dass sich immer wieder Gewalttäter durchsetzen? Wie kann Gott zulassen, dass sein Heiligtum geschändet wird, dass viele Menschen getötet, ausgebeutet und versklavt werden?


Gegenentwurf zum Kaiserkult

Eigentlich sei das Evangelium eine Freudenbotschaft aus dem Herrscherhaus. Für die Menschen war die Freudenbotschaft: Rom hat einen neuen Kaiser, Vespasian, der den Aufstand in Judäa gewaltsam niedergeschlagen hatte und nun im Triumphzug durch Rom zog. Markus schreibe am Anfang des Evangeliums von Jesus, dem Christus, dem Gottessohn, so Gössl. Er präsentiere einen Gegenentwurf zum römischen Kaiserkult, einem Triumph von Gewalt und Machtausübung. Nicht der Kaiser sei Gottessohn, sondern ein unbedeutender Mann aus der Provinz Galiläa, der am Ende wie ein Verbrecher am Kreuz stirbt. Markus wolle seine Leser in die Entscheidung führen: Wem will ich angehören und Vertrauen schenken? Dem siegreichen Kaiser oder dem Besiegten am Kreuz? Der römische Hauptmann unter dem Kreuz entschied sich für Jesus: "Dieser Mensch war wirklich ein Gottessohn." Auf dieses Bekenntnis laufe das ganze Markusevangelium zu. Der Hauptmann sah nur Erfolglosigkeit und Scheitern, aber er fand in dieser Situation zum Bekenntnis: Dieser Mensch war wirklich Gottessohn. Dies sei die Antwort des Markus auf eine Situation von Verfolgung, Krieg, Vertreibung, Not, Schrecken und Zukunftsangst. Der Weg Gottes in dieser Welt sei kein Triumphzug im Sinne irdischer Macht und Herrlichkeit. Wem die Augen geöffnet werden, wer sich zum Glauben bekenne, der empfange auch Kraft zum Durchhalten und der Nachfolge Christi. Solch eine Entscheidung falle nicht leicht, stellte der Prediger fest.
Die Menschen seien auf Erfolg getrimmt. Auch das mussten die Jünger immer wieder erfahren, die Jesus in eine harte Schule genommen hatte. Markus vermittele den Eindruck, dass die Jünger nicht begriffen, worum es gehe. Nämlich um die Frage: Seid ihr bereit Jesus zu folgen, auch wenn der Weg ins Leiden, ans Kreuz und ins Sterben ist?
Den völlig begriffsstutzigen Jüngern werde am Ende des 10. Kapitels der blinde Bettler Bartimäus auf dem Weg nach Jericho gegenübergestellt. Als Jesus verbeikommt, lässt er sich nicht beruhigen und schreit: "Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir." Dieser Ruf sei ein Huldigungsruf dem gegenüber, den er noch nicht einmal sehen kann, dem er aber vertraut.
Jesus stellte dem Blinden die Frage: "Was soll ich für dich tun?" Eigentlich eine überflüssige Frage, aber sie werde verständlich, wenn man sie mit der gleichen Frage verbindet, als Jesus den Jüngern seinen Leidensweg vorzeichnet. Jakobus und Johannes wünschten, dass Jesus die Ehrenplätze in seinem Reich für sie reserviere. Bartimäus wollte dagegen nur sehen können. Es gehe dabei nicht um das leibliche Sehen, so Weihbischof Gössl, sondern auch darum, dass ihm die Glaubensaugen geöffnet werden. Jesus heilte ihn mit den Worten: "Dein Glaube hat dich gerettet". awe