Zukunftsmusik sind Jörg Schrepfers Visionen nicht - vielmehr werden die ersten Takte längst gespielt. "Wir wollen hin zum komplett autonomen Fahren", erklärt der Neuseser Standortleiter des französischen Autozulieferers Valeo. Der Fahrer soll irgendwann gar nicht mehr nötig sein. Sei es im Auto, im Shuttlebus oder in Lastwagen, die automatisch in einer Kolonne fahren - freilich ohne die als schwergängige Überholmanöver bekannten "Elefantenrennen". "Es ist doch viel schöner, wenn ich mich während der Fahrt unterhalten kann und mich nicht aufs Fahren konzentrieren muss", sagt Schrepfer.


Einparken per Smartphone

Erst im Juli des vergangenen Jahres wechselte er zusammen mit neun Kollegen von einem anderen Zulieferer nach Neuses, um dort eine Abteilung für die Erforschung von Fahrerassistenzen zu gründen. Inzwischen ist das Team auf 40 Mitarbeiter angestiegen - deren Arbeitsnachweise längst serienmäßig in Neuwagen zu finden sind.
Jüngstes Beispiel: Ein Einparksystem, das Parklücken selbstständig erkennt und vorsichtig in diese hinein rollt. Der Fahrer muss per Knopfdruck lediglich den Befehl dazu geben. Mit dem Smartphone kann das Fahrzeug ebenfalls bewegt werden. Eingebaut wurde die in Neuses entwickelte Technik in der E- und S-Klasse von Mercedes. "Wir möchten den Autofahrer unter- stützen und, wenn er das möchte, entlasten", erklärt Schrepfer den derzeitigen Ansatz.
Der Neuseser Standortleiter schätzt, dass es schon in drei Jahren soweit sein könnte, dass Fahrer auf der Autobahn die Hände vom Lenkrad lassen können. "2025 dürfte es dann auch in Städten soweit sein", vermutet er. Derzeit wird gleich neben dem Hauptwerk, in dem 4500 Mitarbeiter beschäftigt sind, unter anderem an Systemen gearbeitet, die Fahrbahnbegrenzungen erkennen.
Allein sind Schrepfer und Valeo mit ihren Visionen nicht. Unter anderem der Internet-Gigant Google testet schon seit geraumer Zeit medienwirksam an autonom fahrenden Autos. Als Konkurrenten sieht Heinrich Gotzig, Valeos "Senior-Experte für Fahrzeugassistenzsysteme", Google allerdings nur bedingt an. "Wir liefern ihnen die Sensoren. Ein Teil der Technik kommt also von uns", erklärt er.
Die Ideen dazu stammen zu großen Teilen aus der Werkstatt in der Hummendorfer Straße. "Kronach ist unser wichtigster Standort in Deutschland, was Innovationen angeht", betont Gotzig. "Hier sind wir auf die Zukunft ausgerichtet."
Und die ist bereits ziemlich nah. "Wir haben das Fahren auf der Autobahn bereits intensiv entwickelt", so Schrepfer. "Im Stadtbereich ist es aber natürlich noch einmal etwas anderes." Denn das Fahren in einer Metropole wie Paris sei dann doch noch einmal etwas anderes als in einer Kleinstadt wie Kronach.


Entscheidung soll bald fallen

Doch genau dort ist geplant, es zu testen. Schon Ende des Jahres könnte die Stadt sowie der gesamte Landkreis Kronach zu einem Testfeld für automatisiertes Fahren werden. Bereits im Juni begann Valeo auf der Kronacher Stadtautobahn mit ersten Fahrzeugtests. Nach intensiven Gesprächen mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, dem bayerischen Innenministerium sowie Bürgermeistern und Landräten, wartet das Unternehmen nur noch auf grünes Licht - und die Zuteilung von Fördergelder. Laut der parlamentarischen Staatssekretärin Dorothee Bär (CSU) soll eine Entscheidung zeitnah fallen.
Während auf der A9 zwischen Himmelkron und Triptis das automatisierte Fahren auf der Autobahn erprobt werden soll, sind die Tests für das Verhalten der Fahrzeuge auf Landstraßen in den Kreisen Kronach, Kulmbach und Hof geplant.
Zum vorgesehenen Testfeld gehören dann auch die jeweiligen Kreisstädte. In denen soll ausprobiert werden, was irgendwann auch in Paris und Co funktionieren soll. Im Rahmen der Tests würden dann zudem fahrerlose Shuttlebusse durch die Straßen der drei Städte rollen. Schon in diesem Monat könnte Kronach dann komplett von einer Sorftware erfasst werden, die autonomes Fahren und Navigieren möglich macht.


"Stolz und erfreut"

Erhält die Region die Förderung, dienen die Parkhäuser und Parkplätze von Kronach, Kulmbach und Hof außerdem als Testbereich für automatisiertes Parken oder auch Valet-Parken (Parken eines Fahrzeugs als Dienstleistung).
"Ich bin einfach nur stolz und erfreut über die Entwicklung der Abteilung", sagt Oberfrankens IHK-Vizepräsident Hans Rebhan. Ebenfalls freue er sich darüber, dass das Innovations-Zentrum Region Kronach (IZK) in einige der geplanten Projekte eingebunden ist. "Wenn am sieht, was hier in einem Jahr passiert ist, ist das richtig stark."
In Neuses erlebe er jene Zukunft, die er vergangene Woche auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt noch erklärt bekommen habe.










"Die nordöstliche Region Oberfranken sehe ich als guten Testbereich", sagt Bär. Denn im ländlichen Bereich habe das autonome Fahren den größten Kosten-Nutzen-Faktor.