Endspurt auf der Naturbühne Trebgast - zumindest, was die diesjährigen Premieren betrifft: Am morgigen Freitag um 20.30 Uhr geben sich auf der Naturbühne "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" die Ehre. Eine Person, aber zwei Charaktere, die in sich nicht verschiedener sein könnten. Wer gedacht hatte, nach Hexenzauberei und Räubertumulten ist die Grenze des Bösen auf dem Wehlitzer Berg bereits überschritten, der muss sich eines Besseren belehren lassen und sollte sich Robert Louis Stevensons Schauer-Novelle nicht entgehen lassen. Denn in den düsteren Gassen des viktorianischen Londons Ende des 19. Jahrhunderts geht es nicht weniger turbulent und mörderisch zu.
Den zweiten Klassiker der Weltliteratur, der dieses Jahr auf der Trebgaster Bühne gespielt wird, würde man heute als Psychothriller bezeichnen. Für die verschiedenen Handlungsorte bietet die Naturbühne eine realistische Kulisse. Da ist auf der einen Seite das vornehme West End. Da gibt es aber auch die nebligen und schmutzigen Gassen in den Londoner Slums, die ein idealer Schauplatz für das plötzliche Auf- und Abtauchen eines Monsters sind, das in den Jahren 1900 und 1901 für vier Kapitalverbrechen, davon zwei Morde, verantwortlich ist.
Regisseur Raik Knorscheidt war schon in jungen Jahren von diesem 1886 erschienenen Werk Stevensons sehr angetan. Später interessierten ihn dann die gesellschaftlichen Zusammenhänge im viktorianischen Zeitalter und die verborgenen Mechanismen, die die Menschen zu ihrem Handeln drängen. Er will die Zuschauer mit seiner Inszenierung den inneren Kampf spüren lassen, den Dr. Jekyll im Laufe des Stückes durchmacht.
"Im Umfeld der Bühne haben mir meine Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem letzten Jahr, als ich das Kinderstück ‚Peter Pan‘ inszenieren durfte, schon etwas geholfen", beschreibt er sein zweites Engagement in Trebgast. "Das engagierte Ensemble hat mich dabei sehr unterstützt."
Das wohl berühmteste Doppelleben der Literaturgeschichte fasziniert nach wie vor Tausende von Lesern. Es ist der Kampf eines Mannes, der sich, in die Jahre gekommen, mehr und mehr der Wissenschaft zuwendet. Dabei versucht er, in die Schöpfung einzugreifen, denn er möchte das Böse im Menschen eliminieren. Dem angesehenen Arzt gelingt eine "bewusstseinserweiternde" Droge. Als er sie einmal konsumiert, kennt er keine Skrupel mehr. Aus dem tagsüber angenehmen, höflichen und zurückhaltenden, geachteten Mitglied der Gesellschaft wird nach Anbruch der Dunkelheit ein ungehobelter, brutaler Kerl namens Edward Hyde. Mr. Hyde schreckt selbst vor Mord nicht zurück.
Allein Mr. Utterson, der mit detektivischem Spürsinn ausgestattete Anwalt Jekylls, genießt noch das Vertrauen des sich immer mehr verändernden Freundes. Den menschenfreundlichen Arzt Dr. Lanyon hingegen stoßen die wissenschaftliche Abgebrühtheit und das immer seltsamere Verhalten von Jekyll ab. Können beide den alten Freund noch retten? Die Zuschauer dürfen ein schauriges Vergnügen erwarten.