Lisa Kieslinger

Die richtige Pulsuhr, atmungsaktive Sportklamotten, perfekt-sitzende Sportschuhe, ein Gürtel mit Trinkflaschen - auf das "Lauf geht's"-Programm und den bevorstehenden Halbmarathon habe ich mich ausrüstungstechnisch perfekt vorbereitet. Doch das Allerwichtigste vergisst man dabei schnell: seinen Körper. Schließlich ist so ein Halbmarathon kein Pappenstil - Herz und Kreislauf werden dabei mächtig gefordert.
Um auf Nummer sicher zu gehen, dass man körperlich topfit in den Wettkampf geht, ist es ratsam, sich komplett durchchecken zu lassen. Eine gute Möglichkeit dafür bietet die Spiroergometrie, eine Messung von Atemgasen während körperlicher Belastung. Damit kann man die Sportfähigkeit medizinisch feststellen und überwachen sowie die individuellen Trainingsbereiche festlegen.
Für mich geht es also ab ans Bamberger Klinikum zur Leistungsdiagnostik bei Saludis, dem Zentrum für rehabilitative Medizin der Sozialstiftung Bamberg. Dort wartet schon Sporttherapeutin und Sportlehrerin Julia Emmler auf mich. Nach einem Fragebogen, der abklären soll, ob irgendwelche Vorerkrankungen bestehen, geht es für mich direkt aufs Fahrrad.Während Emmler mir das EKG anbringt, betritt auch Professor Dr. Volker Schöffl das Labor. Er leitet am Bamberger Klinikum das Zentrum für interdisziplinäre Sportmedizin.


Prüfung von Herz und Lunge

Nachdem Professor Schöffl mein Herz und meine Lunge abgehört und mein Ruhe-EKG angesehen hat, geht es richtig los. Auf Nase und Mund bekomme ich eine blaue, nicht gerade bequeme Maske aufgesetzt, die sämtliche Atemluft auffangen soll.
Nachdem nun alles angelegt ist, muss ich anfangen zu treten. Den Wert, der mir auf einem kleinen Bildschirm vor meinem Fahrrad angezeigt wird, muss ich immer auf 70 halten. Kein Problem - das bisschen Fahrradfahren müsste ich doch hinbekommen, schließlich will ich in ein paar Wochen ja auch den Halbmarathon in der Fränkischen Schweiz mitlaufen.


Tempo wird erhöht

Stufenweise wird nun jedoch das Tempo erhöht. Jede Stufe muss ich drei Minuten durchhalten. Ab dem dritten Durchgang merke ich schon, wie schwer meine Beine werden. Die vierte und fünfte Stufe hauen noch einmal ordentlich rein: Noch schwerere Beine, die Luft wird immer weniger und ich schwitze ohne Ende. Dass das ganze so anstrengend wird, hätte ich davor nicht gedacht.
Am Ende jeder Stufe entnimmt mir Emmler am Ohr mit einem Laktatteststreifen einen Tropfen Blut. Laktat ist ein Salz der Milchsäure. Bei der Energiebereitstellung im Körper entsteht es als Stoffwechselprodukt in den Muskeln. Durch die Konzentration von Laktat im Blut kann man die Fitness eines Sportlers individuell bestimmen.
In der letzten Runde habe ich mächtig zu kämpfen und bin heilfroh, als ich es nach etwas mehr als zehn Minuten geschafft habe. Fix und fertig steige ich vom Fahrrad ab.
Ein paar Tage später gehe ich gemeinsam mit Emmler die Auswertung der Spiroergometrie durch. Als erstes geht es in einem Überblick um die Belastungswerte, Ventilationswerte und die Sauerstoffaufnahme in Milliliter pro Minute, die bei voller Belastung erreicht wurden. Verglichen werden meine Ergebnisse mit Referenzwerten, die die Sportuniversität in Köln erhoben hat. Diese zeigen auf, was für eine Frau in meinem Alter, mit meiner Größe und meinem Gewicht zu erreichen gewesen wäre. "Da hast du auf jeden Fall mehr erreicht als der zu erwartend gewesene Sollwert. Daran sieht man, dass du seit einigen Wochen im Training bist", erklärt Emmler.
Mein Atemminutenvolumen dagegen ist noch stark ausbaufähig. "Da sieht man, dass du noch beim Grundlagentraining bist, wo man den Körper erst einmal dazu befähigt, das überhaupt geschnauft zu kriegen", sagt Emmler. Luft herbekommen - bei Einsteigern ist das oft der limitierende Faktor. Bei mir ist da auf jeden Fall noch Luft nach oben - im wahrsten Sinne des Wortes.
Als nächstes schauen wir uns meine Laktatkurve an. "Die geht bei dir noch ziemlich steil nach oben. Je besser man trainiert ist, desto mehr bleibt die lange unten und wird hintenraus sehr hoch. Das wäre für den Ausdauersportler die Traumkurve."
Voll belastet war meine Herzfrequenz bei 200 Schlägen pro Minute. "Die Messwerte am aerob-anaeroben Übergang sind bei 166 Schlägen pro Minuten", sagt Emmler und deutet auf ein Diagramm, in dem sich zwei Linien überkreuzen. Das bedeutet: Anfangs nimmt der Körper mehr Sauerstoff auf, als er CO2 abgibt. Die Energie stellt er über Fette bereit. "Wenn die Intensität ansteigt, muss das alles schneller gehen, dann nimmt der Körper mehr Glykogen für den Stoffwechsel." Im anaeroben Bereich wird die Energie fast ausschließlich über Glykogen und Glykolyse bereitgestellt.


Trainingsbereiche festlegen

Die Trainingsschwellen können nun anhand des respiratorischen Quotienten, der normal bei eins und bei Sporteinsteigern eher bei 0,97 liegt, errechnet werden. Auch meine Trainingsbereiche hat Emmler direkt definiert: Bei einem regenerativen Training müsste ich demnach in einem Pulsbereich zwischen 103 und 111 liegen. "Das wird dir beim Laufen noch nicht gelingen. Das wäre dann zum Beispiel eher Walking oder lockeres Fahrradfahren", sagt die Sporttherapeutin. Beim Grundlagentraining müsste meine Herzfrequenz zwischen 111 und 128 liegen, bei einem etwas intensiverem Training zwischen 128 und 145 und im Entwicklungsbereich zwischen 145 und 171. Beim Training im Spitzenbereich bin ich dann schon bei Werten von 171 bis 192. "Für Sporteinsteiger ist das zunächst nicht relevant. Da sollte es zunächst 50 Prozent Grundlagentraining sein."

Fazit:
Zwar trage ich bei jedem Training meine Pulsuhr, doch ehrlich gesagt wusste ich nie richtig, was ich mit den Zahlen anfangen soll. Nach dem Festlegen meiner Trainingsbereiche fühle ich mich auf jeden Fall sicherer beim Blick auf die Pulsuhr. Am Ende hat Emmler noch einen Tipp: "Wichtig ist immer, dass man sich auch in der Gruppe nicht von den anderen anstecken lässt. Wenn man seine individuellen Trainingswerte hat, kann man sein Training clever gestalten."