Die Kirche in Tiefenpölz ist dem Heiligen St. Martin geweiht. Der Martinstag war früher im Ort ein geschützter Feiertag, wie Dieter Zöberlein in einem lokalhistorischen Beitrag schreibt. Das Patronatsfest fand und findet am Sonntag danach statt. Für die Pfarrgemeinde war dies die zweite, größere Kirchweih nach der eigentlichen Kirchweih, dem Weihefest der Kirche am Sonntag nach Himmelfahrt, denn im November hatte die Landbevölkerung mehr Zeit zum Feiern als im Frühsommer.

Pfarrer forderte halben Gulden

Tiefenpölz wurde nach dem 30-jährigen Krieg jahrzehntelang von den Pfarrern aus Mistendorf administriert. Am Martinstag 1654, das war der Mittwoch, 11. November, begab sich der streitbergische Schutzjude Simon aus Heiligenstadt nach Tiefenpölz, um dort mit Tuchware zu hausieren. Im sogenannten Philippen-Haus traf er unverhofft den Mistendorfer Pfarrer an, der dort wohl zum Mittagessen eingeladen war.

Der Geistliche, er hieß Johann Reinhardt, stellte den Juden wegen des Handelns gleich zur Rede. Angeblich oder tatsächlich wusste der Jude nicht, dass im Ort wegen des Feiertags das Hausieren verboten war.

Der Pfarrer jedoch forderte wegen des Vergehens einen halben Gulden Strafe, die der Jude nicht zahlen konnte oder wollte. Darauf holte der Pfarrer den örtlichen Kirchner und befahl diesem, dem Juden die feilgebotene Tuchware als Pfand abzunehmen.

Das tat der Kirchner aber nur widerwillig mit der Anmerkung, er sei kein Büttel (Gerichtsknecht). Es ging um sieben Ellen wollenes Tuch, die er dem Juden aus der Kötze (dem Rückenkorb) zog.

In der Hoffnung auf Nachsicht, schickte der Jude anschließend Bekannte zum Pfarrer, die für ihn sprechen sollten, vom Pfarrer aber nur übel angefahren wurden. Somit lief der Jude zu seinen Schutzherrn Dietrich und Hans Wolf von Streitberg auf Greifenstein und beschwerte sich über den Vorfall. Die adeligen Herrn forderten umgehend den Pfarrer auf, dem Juden das Tuch zu restituieren, denn der Jude hätte aus Unwissenheit gehandelt. Der Pfarrer ließ jedoch nur mündlich ausrichten, dass er das Tuch bereits seiner Pfarrköchin gegeben habe. Der Jude könne es wieder erlangen, wenn er die auferlegte Strafe bezahle.

Vogt wäre zuständig gewesen

Die Herrn von Streitberg wandten sich folglich am 20.11.1654 an den Bamberger Fürstbischof Philipp Valentin Voit von Rieneck (reg. 1653 - 1672). Dem Geistlichen stehe keinerlei Vogteirecht zu, deshalb dürfe dieser auch keine Strafgelder verhängen. Der Fürstbischof möge die Rückgabe des Tuches anbefehlen. Tiefenpölz unterstand gerichtlich dem hochstiftischen Zentamt Memmelsdorf. Das heißt, polizeiliche Maßnahmen wie die vorgenommene Pfändung bzw. Eintreibung einer Strafe wären Angelegenheit des Memmelsdorfer Vogtes gewesen. Ob der Jude seine Tuchwaren wieder erhielt, ist nicht erforscht. red