Bücher findet der 13-Jährige doof. "Ich kann mir doch einfach auch den Film anschauen", sagt er. Trotzdem trottet er an diesem Tag brav mit den anderen durch die Stadt. Ein Ausflug in die Coburger Stadtbücherei steht auf dem Programm der Vorlesegruppe der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Coburg. In der Stadtbücherei gehen der 13-Jährige und die anderen fünf Jungen, die diesmal in der Gruppe dabei sind, zielstrebig ins Untergeschoss. Dorthin, wo die Kinder- und Jugendliteratur steht. Keine fünf Minuten dauert es, bis der 13-Jährige ein Buch in der Hand hält. Spinnen und Schlangen, die interessieren ihn.

Auch die anderen Jungen aus der Tagesklinik haben innerhalb weniger Minuten ein Buch gefunden und sich damit in die Kuschelecke der Coburger Stadtbücherei zurückgezogen. Schuhe ausziehen, auf die Polster fläzen - und schon ist man in einer anderen Welt. In einer, in der es um Traktoren geht. Oder um Rekorde. Oder um Abenteuer. Oder um einen Papa, der die Familie im Stich lässt.

Ein Junge liest Max und Moritz. Als er das Buch zuklappt, erzählt er ganz fasziniert seiner Erzieherin, die ihn begleitet, davon. Er kommt ins Reden, es findet Kommunikation statt. Bettina Hoffmann freut das, denn das sei das Ziel.

Vorlesegruppe

Immer mittwochs nach dem Frühstück wird in der Tagesklinik (vor-)gelesen. Bettina Hoffmann ist klinische Linguistin in den Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken, zu denen die Tagesklinik gehört. Sie leitet diese Vorlesegruppe, zu der die jungen Patienten gehören, die nicht nur beispielsweise wegen ADHS oder gestörtem Sozialverhalten behandelt werden, sondern auch Sprachförderung benötigen. Kinder, die wenig reden, kommen über das Lesen und die Geschichten ins Gespräch miteinander. Kinder, die dauernd plappern müssen, lernen, ruhig zu sein und zuzuhören. Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten haben, beginnen, in Büchern nach Sachinformationen für den Unterricht zu suchen.

Beim Vorlesen kommen die Kinder zur Ruhe. Sie lernen, zuzuhören, erklärt Bettina Hoffmann. Dazu komme, dass der sprachliche Input durch das Vorlesen auch den Wortschatz erweitere. Gerade ist Harry Potter in der Vorlesegruppe sehr gefragt. Harry Potter habe, im Gegensatz zu anderen Geschichten, den Vorteil, dass jedes Kind die Story kennt, man könne auf einem gemeinsamen Vorwissen aufbauen.

Den Erfolg der Vorlesegruppe könne man nicht ganz so leicht messen. Nicht in den wenigen Monaten, die die Kinder und Jugendlichen in der Tagesklinik verbringen. Sichtbar sei, dass das Interesse an Büchern tatsächlich von Woche zu Woche zunehme, erklärt Mandy Kräußlich, Erzieherin und Stationsleiterin der Tagesklinik. Nicht jede Woche, aber doch regelmäßig steht dann auch ein Besuch in der Coburger Stadtbücherei an. In der Bücherei können die Kinder dann selbst entscheiden, welche Bücher sie lesen wollen. Sie dürfen darin blättern, sich in der Bücherei umsehen und sie dürfen sich auch Bücher ausleihen und in die Klinik mitnehmen.

Mit voll bepackten Rucksäcken geht es am Ende dieses Vormittages wieder zurück in die Klinik. So doof sind Bücher nämlich eigentlich gar nicht ... red