Der Thüringer Wald ist die verwunschene Welt ihrer Kindheit. Ihre Großeltern lebten in Sonneberg, an der deutsch-deutschen Grenze. Der Wald hat Kati Naumann geprägt. Ihre frühesten Erinnerungen haben sie zu einem Buch inspiriert, das unsere Grenzlandgeschichte noch einmal lebendig macht. Sie erzählt vom Schicksal der Familie Dressel, die zwangsumgesiedelt wurde. Am Donnerstag, 23. Mai, liest sie um 20 Uhr in der Buchhandlung Coburg aus ihrem Roman "Was uns erinnern lässt".

Frau Naumann, was ist es, das Sie erinnern lässt?

Kati Naumann: Ich werde in einem Leiterwagen durch den Wald gezogen, das Licht flimmert durch die Zweige, ein Eichelhäher ruft, es raschelt im Gebüsch und man weiß nicht, ob gleich ein Fuchs oder eine gute Fee hervorspringt. Meine Schwester und ich haben immer die Sommerzeit im Thüringer Wald verbracht. Wir waren jeden Tag mit unseren Großeltern im Wald, der so tief und undurchdringlich war, mit seinen mächtigen Bäumen und dem weichen Moos, und der so dicht an der Grenze lag, dass wir genau wussten, bestimmte Wege waren verboten.

Was fällt Ihnen heute zum Rennsteig spontan ein?

Mit dem Rennsteig verbinde ich vor allem drei Dinge: den Wanderweg auf dem Höhenkamm des Thüringer Waldes, das Rennsteiglied und den Rennsteiglauf. Bis zur Wende wusste ich überhaupt nicht, dass der Rennsteig eigentlich viel länger ist. Dass er eben nicht in Ernstthal endet, sondern mehrmals die bayerische Grenze überquert und bis Blankenstein reicht. Ich habe noch alte Wanderkarten, die aus der Zeit meiner Kindheit stammen. Bei der Recherche wollte ich nachsehen, wie der Rennsteig damals eingezeichnet war. Aber die Karten waren einfach abgeschnitten worden, als hätte die Welt kurz vor der Grenze der DDR aufgehört.

Wie viel Autobiografisches steckt in dem Buch? Gab es die Familie Dressel wirklich?

Meine Großeltern wohnten in Südthüringen im Sperrgebiet. Wir sind oft über die Wehd gewandert, und von dort hat man einen wunderbaren Blick nach Neustadt. Ich kann mich noch genau an dieses merkwürdige Gefühl erinnern, das dieser Blick in den Westen jedes Mal bei mir ausgelöst hat.

Als Kind fand ich es völlig normal, wenn die Besuche bei den Großeltern beantragt werden mussten, dass wir ohne den Passierschein nicht zu ihnen durften, dass wir uns als allererstes, wenn wir dort ankamen, bei der Deutschen Volkspolizei melden mussten und dass wir auch im Wald immer wieder angehalten und kontrolliert wurden.

Meine Mutter hatte eine enge Freundin, die in der 500-Meter-Sperrzone lebte, in der die Menschen unvergleichlich stärker überwacht und reglementiert wurden. Durch sie wusste ich, dass es neben dem Sperrgebiet noch diese nur 500 Meter schmale Zone zwischen den zwei Zäunen gab. Ich wusste, dass dort Menschen wohnten und versuchten, ein normales Leben zu führen. Von den Zwangsumsiedlungen wusste ich damals noch nichts. Den Betroffenen war es unter strengster Strafe verboten, darüber zu sprechen. Die Geschichte der Familie Dressel ist fiktiv, aber ihr Schicksal teilen die unzähligen Familien, die in der DDR zwangsumgesiedelt wurden.

Als ich mit dem Roman begonnen habe, waren alle Erinnerungen wieder da und ich hatte plötzlich so schlimmes Heimweh, dass es kaum auszuhalten war. Erinnern ist manchmal viel schwerer als vergessen, aber gleichzeitig eben auch sehr tröstlich. Das, was uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind, kann uns niemand mehr wegnehmen.

Wie haben Sie die Geschichte recherchiert, welche Quellen genutzt?

Der Roman spielt in zwei Zeitebenen und umfasst im historischen Teil die Spanne von 1945 bis 1977. Zunächst habe ich mir mit Hilfe von Fachbüchern eine solide Faktenbasis geschaffen.

Ich bin sehr dankbar für die Arbeit unserer Archive, denn dort habe ich die für die jeweiligen Jahre geltenden Polizeiverordnungen zur Demarkationslinie, aber auch Briefe des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Borkenkäferbekämpfung in Thüringen oder Berichte an das Ministerium für Staatssicherheit über die Aktionen zu Zwangsaussiedlungen gefunden.

Um den Wohnort der Familie Dressel festlegen zu können, benutzte ich alte Landkarten und eine Karte von den ehemaligen Sperrgebieten. Die genaue Lage habe ich mir dann am Rennsteig erwandert. Für die Schreibzeit hatte ich ein kleines Quartier am Rennsteig genommen. Das war nicht nur für die Inspiration wichtig, sondern auch für die vielen Gespräche mit den Zeitzeugen vor Ort.

Diese Berichte waren für mich von unschätzbarem Wert, weil ich durch sie etwas erfahren habe, was in keinem Buch und in keiner Akte steht. Nämlich wie sich die Menschen gefühlt haben, die in der Sperrzone lebten, wie sie das Trauma der Zwangsaussiedlung und die anschließende Stigmatisierung empfunden haben und wie es ihnen heute mit diesen Erinnerungen geht.

Wie haben Sie die Menschen erlebt? Wie präsent ist die Vergangenheit bei Ihren Gesprächspartnern noch heute?

Ich habe mit Menschen gesprochen, die zwangsausgesiedelt wurden, mit Menschen, die in der 500-Meter-Zone wohnten, und mit Menschen, die schon seit ihrer Geburt in der Gegend um den Rennsteig leben. Manche von ihnen haben sich immer wieder vergewissert, dass es sich um einen fiktiven Roman handelt und sie anonym bleiben werden, andere wollten über ihre Erlebnisse überhaupt nicht sprechen und wieder andere waren froh, es erzählen zu dürfen.

Ich habe viele Stunden damit zugebracht, fremden Menschen zuzuhören, die mir ihre Lebensgeschichten anvertraut haben, und beim Abschied waren es jedes Mal keine Fremden mehr für mich.

Ich habe mit einer Frau gesprochen, die von ihrer Deportation als Zehnjährige berichtet hat. Sie konnte mir noch jedes schreckliche Detail des Morgens, an dem es geschah, berichten. Auf der Rückfahrt von dieser Begegnung musste ich auf der Landstraße anhalten, weil ich einfach nicht mehr weiterfahren konnte und erst einmal weinen musste.

Noch einmal zurück zum Thüringer Wald. Welche Rolle spielt der Wald für die beiden Protagonistinnen in Ihrem Buch?

Für Milla ist es ein verwunschener Ort, an dem sie auf die Jagd nach verlorenen Orten, den Lost Places, geht. Es ist ein Ort, an dem sie ihre eigene Einsamkeit vergessen möchte. Für Christine hingegen ist es die reale, gelebte Vergangenheit. Der Thüringer Wald ist ihre Heimat und ihr Zuhause, ein Ort der Erinnerung und der Liebe. Aber beide Frauen finden im Wald etwas, wonach sie lange gesucht haben. Ich denke, genau das macht die Magie des Waldes aus: Er lässt uns erinnern und hilft zu vergessen. Die Fragen stellte Christiane Lehmann.