Das Klimaschutznetzwerk "Heimat" veranstaltete den ersten "Landwirtschaftlichen Dialog" in Zeil. Darüber berichtete der Initiator Oliver Kunkel. Zehn Landwirte, Bio-Bauern und konventionelle Landwirte, Viehhalter und Getreidebauern, traten in Austausch mit Akteuren des Netzwerkes, zu dem etwa Vertreter des Ubiz oder des Bund Naturschutz gehören.

Eingangs nahm jede Partei den Blick des anderen ein. So schilderten Gesprächsleiter Oliver Kunkel und der Arzt Sebastian Winkler, was ein langer Alltag als Landwirt heute bedeutet, an dessen Ende Unmengen Büroarbeit und immer mehr Auflagen warten. Landwirte wie Alexander Krauser erkannten ihre Realität wieder; er konstatierte aus Verbrauchersicht ein geringes Bewusstsein für den Preis landwirtschaftlicher Produkte. Das empfinden Landwirte als Geringschätzung ihrer Arbeit.

Gerade "Wertschätzung" hatte sich tags zuvor beim ersten Strategietreffen des Netzwerkes "heimat" als gemeinsame Überzeugung hervorgehoben; die rund 50 Gründungsmitglieder hatten dies als wichtigstes Ziel formuliert. So zeigte sich ein gemeinsamer Weg: der Natur und den Produkten der Natur ihren Wert zukommen zu lassen.

Sebastian Hetterich berichtete von seiner jahrelangen Praxis, Blühflächen an dem Haßbergtrauf zu bewirtschaften. Klaus Mandery - Leiter des Instituts für Biodiversitätsinformation - stellte dafür beste Noten aus. Er konstatierte, dass die Bedingungen für den Artenreichtum in den Haßbergen eher besser als an vielen anderen Orten der Republik seien.

Oliver Kunkel skizzierte aus der Sicht des Klimaschutzes das unterschätzte Potenzial, auf den Äckern, die die Hälfte der hiesigen Landfläche ausmachen, Kohlendioxid zu binden. Gelänge es, nur ein Prozent mehr Kohlenstoff in die Böden zu bringen, würde das ein Vielfaches der CO2- Emissionen ausgleichen. "Mit dieser historischen Aufgabe dürfen wir die Bauern nicht alleine lassen - es muss unser aller Aufgabe sein", sagte Kunkel. Feldhecken und Agroforst, Dauerbegrünung, gezielte Fruchtfolgen, Mischkulturen oder tiefwurzelnde Kulturen - das sind die Möglichkeiten.

"Agroforst ist natürlich schon die ganz hohe Kunst", bemerkte der Biobauer Markus Lenhart. Er verwies auf problematische Besitz-Strukturen hierzulande: "Die meisten Ackerflächen sind gepachtet - da sind solche auf Langfristigkeit angelegten Veränderungen sehr schwierig umzusetzen."

Raps hat keine Zukunft

Klaus Mandery sprach richtige Feldfrüchte und Fruchtfolgen im Sinne optimalen Humusaufbaus an und stellte dem Raps eine schlechte Zukunftsperspektive aus. Der Klimawandel und der Verzicht auf Neonikotinoide lasse ihm wenig Chancen. Mehrjährige Gräser seien eine gute Alternative. Mandery verwies auf gute Erfahrungen mit heimischen Blühmischungen, die zwar nicht die Energiedichte von Mais oder Raps böten, aber eben Humus bilden und Insekten wertvolle Lebensräume bieten.

Solchen Mehrfach-Nutzen stellte Kunkel in den Mittelpunkt. "Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Gesellschaft diese Mehrfachleistungen wertschätzen und bezahlen kann." Humuszertifikate könnten sich ihm zufolge als regionales Entlohnungsmodell eignen. Die österreichische Ökoregion Kaindorf zahle Landwirten Geld für Maßnahmen, die Humusaufbau und CO2 -Speicherung im Boden fördern, und biete Kleinunternehmern an, diese Zertifikate zu erwerben, um ihre CO2 -Bilanz auf Null zu bringen. Auch beim dringend notwendigen Insekten- und Artenschutz sind Landwirte Dienstleister der Gesellschaft. Ein Modell für die Region stieß auf Interesse. Landwirte wie Edgar Kettler oder Roland Rügheimer finden Beteiligungsmöglichkeiten von Verbrauchern attraktiv, und Markus Lenhart skizzierte das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, wie sie in Ballungsräumen wie Berlin Verbraucher zu Partnern der Landwirte mache. Das stelle eine feste Abnahme sicher.

Vielleicht doch zentraler Markt?

Zur Direktvermarktung wurde festgestellt, sie brauche viel mehr Publicity und vielleicht einen zweiten Versuch eines zentralen, attraktiven Marktes in Haßfurt. "Heute sind die Menschen in größerer Zahl und Intensität sensibel und bereit für solche Wege als vor 30 Jahren - wir sollten solche Wege unbedingt angehen", sagte Kunkel.

"Wenn man das Konterfei des Landwirts und den Acker wirklich am Produkt sieht und erfährt, wie hier nachhaltig gewirtschaftet wird, sind die Verbraucher wohl auch bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen", meinte der Zeiler Landwirt Sebastian Hetterich. Offen blieb die Frage von Alexander Krauser, ob extensivere Landwirtschaft allein die heimische Nachfrage nach Lebensmitteln sicherstelle. Dagegen stünden die ersten Ergebnisse etwa von Agroforst-Systemen in Frankreich, die bei reduzierter Fläche 130 Prozent Ertrag einführen. Wind- und Erosionschutz, Beschattung und Stärkung von Biodiversität und Humus schienen den Flächenverlust auszugleichen.

Das nächste Treffen soll im Januar sein. Der Kreis der Beteiligten soll erweitert werden. "Gerade über die Schulen sollten wir mit unseren Erfahrungen an die Menschen gelangen", sagte Roland Rügheimer. Michaela von der Linden hat als Agrarwissenschaftlerin und Erlebnisbäuerin viele Jahre Pädagogik auf dem Bauernhof hinter sich: "Die Menschen müssen die Erde, die Lebewesen, die Produkte mit Händen greifen und spüren, damit sie die notwendige Wertschätzung erfahren", erklärte sie. "Selbst Erwachsene wundern sich bei mir bisweilen, dass ein Huhn sich keineswegs hart, sondern sehr weich anfühlt." Landwirt Joachim Schmitt bot an, eine Gymnasialklasse von Kunkels Schule bei einem Klimaschutzprojekt langfristig zu begleiten. red