Wenn Frauen aus ihrer Rolle fallen, ist das gesellschaftlich weniger akzeptiert, als wenn das Männer tun. Deshalb verhalten sie sich anders, wenn Sie in die Fänge der Suchtabhängigkeit geraten. "Alkohol, Medikamente und Drogen werden dabei oft hinter verschlossenen Türen konsumiert, denn Frauen wollen nicht auffallen und sich solange es geht, angepasst verhalten", weiß Michael Thiem aus über 30 Jahren suchttherapeutischer Erfahrung zu berichten.
"Das traditionelle weibliche Bild, wonach die Frau die Familie zusammenhält und für dessen Wohlergehen sorgt, auch wenn sie selbst massive psychische Probleme hat, ist nach wie vor weit verbreitet", sagte Thiem in seinem Vortrag vor den Mitgliedern des Zonta-Clubs Herzogenaurach.
Präsidentin Jutta Rost besuchte mit ihren Club-Freundinnen das Aischgründer Therapiezentrum, um mit suchtkranken Frauen ins Gespräch zu kommen und von deren Lebensschicksalen, aber auch von ihren Zukunftsplänen zu erfahren.
Im Zonta-Club Herzogenaurach haben sich ausschließlich Frauen zusammengefunden, die beruflich und gesellschaftlich Verantwortung übernehmen, um dadurch die Lebenssituation von Geschlechtsgenossinnen im rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und beruflichen Bereich zu verbessern.
Die Herzogenauracher Gruppierung ist eine von bundesweit 134 Clubs mit insgesamt 4600 Mitgliedern. Warum Frauen, obwohl sie genau so häufig suchtkrank werden wie Männer, sich seltener und erst viel später in therapeutische Behandlung begeben, das wollten die Zonta- Damen von Kessy, Verena und Inka, die sich erfolgreich einer Therapie unterzogen haben und offen über ihre Sucht berichteten, wissen.


Massiver Suchtmittelkonsum

"Sobald mein Sohn noch Unterstützung brauchte, trank ich nur Alkohol, wenn er in der Schule, bei Freunden oder bei Verwandten war. Nach vielen Gewalterfahrungen habe ich versucht, meine seelischen Schmerzen in Alkohol zu ertränken. Trotz des massiven Suchtmittelkonsums gelang es mir, meinen Jungen bis zur Hochschulreife zu begleiten", berichtet Kessy, die nach erfolgreichem Kampf gegen ihre Sucht mittlerweile einen festen Arbeitsplatz in den sozialen Betrieben der Laufer Mühle erhalten hat.
"Als mein Sohn zum Studium in eine andere Stadt zog, ist die Alkoholabhängigkeit völlig ausgebrochen, da ich keine Aufgabe mehr hatte", erzählt Kessy vor den 20 Gästen. "Es war eine Zeit des Dahinsiechens und sozialen Isolation. Die Schuld für mein Scheitern suchte ich bei mir und ich sah überhaupt keinen Ausweg aus der Misere mehr", so Kessy, die nach einer Praktikumszeit nun in einem Teeladen, der gemeinsam von der Laufer Mühle und der Martin Bauer Group im Stadtzentrum von Neustadt betrieben wird, Kunden über Kräuter, Gewürze und Tees berät.
"Besonders freue ich mich über meine Ausbildung zum soziotherapeutischen Assistenten/ IHK, denn dadurch habe ich das Rüstzeug erhalten, auch anderen Menschen, die Probleme mit Suchtmitteln haben, helfen zu können."
Sie möchte jetzt speziell Frauen helfen, damit diese sich auch aus den Fängen der Abhängigkeit lösen können und eben nicht aus falsch verstandener Scham Hilfsangeboten verweigern. Kessy hatte sich damals zu einer Therapie in die Laufer Mühle aufgemacht, nachdem ihr erwachsener Sohn sie dazu ermutigt hatte.


Auch Hilfe für Jugendliche

Mittlerweile engagiert sich Kessy auch ehrenamtlich in der Suchtprävention für Jugendliche. "Gerade Mädchen haben in ihrer Pubertät übersteigerte Vorstellungen an Schlankheit und Attraktivität und haben somit Probleme mit ihrer Geschlechterrolle, was oft der Anfang für die Entwicklung einer Esssucht ist", sagt Kessy, die heute wieder eine selbstbewusste und lebensfrohe Frau ist.
Für die Diskussion bedankte sich Zonta-Präsidentin Rost mit einer Spende über 300 Euro, die im Therapiezentrum für Projekte für Frauen verwendet werden wird. red