Marco Meissner

In den vergangenen Monaten ist diskutiert, beraten und viel darüber spekuliert worden, wie das neue neunjährige Gymnasium in Bayern aussehen könnte. Mit der Bekanntgabe der Stundentafel am Dienstag wurde ein Stück weit Klarheit von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) geschaffen. Wir fragten an den Kronacher Gymnasien nach, wie dort der erste Eindruck von diesem neuen Grundgerüst für die gymnasiale Schulbildung ist.


Es fehlen noch Details

"Mehr Lernzeit, mehr digitale und politische Bildung, starke Kernfächer und Naturwissenschaften", versprach Spaenle in seiner Pressemitteilung für das Qualitätsmodell, zu dem das bayerische Gymnasium werden soll (FT vom 26. Juli, Seite 2). Der Inhalt des Schreibens war bei unserer Nachfrage am Kaspar-Zeuß-Gymnasium für die Lehrkräfte noch sehr frisch. Das bestätigte Renate Leive. Die Schulleiterin des Kaspar-Zeuß-Gymnasiums berichtete beim Anruf unseres Reporters von ihren Kollegen, die gerade eifrig die Unterlagen des Ministeriums studierten. Ein abschließendes Urteil über das Konzept wollte sich Leive deshalb nicht anmaßen, zumal der ihr vorliegende Entwurf nur das sprachliche und humanistische Gymnasium darstellte.
Zur vom Minister zugesicherten Stärkung vieler Bereiche ohne eine Schwächung von Fächern könne sie sich erst äußern, wenn nähere Details vorlägen und sich ein Vergleich zu den anderen gymnasialen Zweigen ziehen lasse. Zu einem gewissen Grad seien jedoch schon Stärkungen herauszulesen, ergänzte sie und nannte als Beispiel die Informatik. Am Kaspar-Zeuß-Gymnasium freuten sich auch die Chemie-Lehrkräfte, dass ihr Fach an den sprachlichen Gymnasien in der Mittelstufe künftig drei- statt zweistündig unterrichtet werden soll. Leive wünschte sich nur, dass diese Mehrzeit wirklich zur Vertiefung des Stoffes dienen wird und nicht durch den Lehrplan viele zusätzliche Inhalte hineingepackt werden.
Die Schulleiterin las interessiert, dass in der Pressemitteilung Stimmen von Lehrer-, Eltern- und Schülerseite enthalten waren, die das neue Konzept nicht ohne Kritik, grundsätzlich aber mit Zuversicht besprachen. So ging die Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien, Susanne Arndt, davon aus, dass sich der Unterricht künftig noch stärker an den individuellen Bedürfnissen der Jugendlichen ausrichten wird. "Das Gymnasium muss sich darauf einstellen", bestätigte Leive den Sinn dieses Weges angesichts einer ihrer Ansicht nach stetig wachsenden Heterogenität der Schülerschaft. Ein erstes positives Signal für diesen Kurs sieht sie darin, dass die Intensivierungsstunden - eigentlich eine Folge des vormaligen Wechsels zum G8 - auch im neuen System erhalten bleiben sollen.


Verständlicher Wunsch

Dass von Landesschülersprecherin Acelya Aktas "grundsätzlich mehr Wahlfreiheit und Vertiefungsmöglichkeiten schon vor der Q-Phase" gewünscht wurden, kann die Kronacher Schulleiterin verstehen. "Das ist absolut nachvollziehbar", stellte sie fest. Aus Schülersicht. Aber von der Warte eines Unterrichtsorganisators aus gingen mehr Wahlmöglichkeiten auch mit einer komplizierteren Planung einher. Deshalb stoße die Wahlfreiheit irgendwo an Grenzen.
Die inhaltliche Planung des neuen G9 ist also auf den Weg gebracht. Renate Leive hofft nun, dass sich auch die strukturellen Überlegungen mit Weitblick daran anknüpfen. Das soll heißen: Selbst wenn es zunächst einmal auf Grund des Systemwechsels denkbar wäre, dass eine Zeit lang sogar etwas weniger Lehrkräfte gebraucht werden, so käme am Schluss doch der große Knall. Wenn das G9 erst einmal bis zu seinem letzten Jahr fortgeschritten sei, würden auf einen Schlag mehr Lehrkräfte benötigt. "Das ist jetzt schon planbar", meinte Leive.
Deshalb wäre es ihrer Ansicht nach wichtig, frühzeitig die besten Junglehrer nach der Ausbildung "quasi auf Vorrat" an den bayerischen Schulen zu halten. Die Schulleiterin fände es ärgerlich, wenn der Freistaat gut ausgebildete Kräfte ziehen ließe und in ein paar Jahren viele Lehrer auf die Schnelle aus dem Hut zaubern müsste.