Glosberg/Berlin — Mit seinen Spielen "Friedrich" und "Maria" hat Richard Sivél für Aufsehen in der Brettspieler-Szene gesorgt. Heuer liefert er bei der Messe "Spiel '14" in Essen ein strategisches Spiel zur Geschichte des geteilten Deutschlands ab. Unsere Zeitung sprach mit dem Autor, der seit seiner Heirat Richard Shako heißt, als Spiele-Erfinder aber den Künstlernamen Sivél führt. In Glosberg dürfte er eher unter seinem Geburtsnamen Stubenvoll bekannt sein.

Ihre familiären Wurzeln liegen zum Teil in Kronach. Wie waren und sind Ihre Kontakte in den Frankenwald?
Richard Shako: Meine Mutter kommt aus Glosberg, und dort lebte auch meine Oma. Als Kind war ich sehr oft in den Sommerferien dort, und habe sehr viele schöne Erinnerungen, zum Beispiel an das Pilzesuchen im Wald.

Später dann wurden meine Besuche seltener, und seit dem Tod meiner Oma nur noch sehr selten. Für mein neues Spiel "Wir sind das Volk!" habe ich lange nach einer geeigneten Grafik für die Spielkarte "Transitabkommen" gesucht, und beinahe wäre die Autobahnraststätte Frankenwald auf die Karte gekommen, ... aber ich habe dann doch ein anderes Motiv gewählt.

Wie wurden Sie Spieleautor?
Als Kind war ich mit den Spielen des Marktes nicht recht zufrieden und so entwickelte ich eigene. Eines davon - "Friedrich" - wurde über viele Jahre hinweg so intensiv gespielt, dass ich anno 2003 entschied, es in Eigenregie auf den Markt zu bringen.

Was macht für Sie ein gutes Spiel aus?
Ein ästhetisches Ineinandergreifen der Mechanismen mit schwer zu treffenden Entscheidungen.

Und, ganz wichtig: Es muss spannend sein.

Nach "Friedrich" und "Maria" befassen Sie sich wieder mit einem Thema aus der deutschen Geschichte. Was erwartet uns mit "Wir sind das Volk!"?
"Wir sind das Volk!" ist ein Zwei-Personen-Spiel über das geteilte Deutschland. Es rekapituliert die Geschichte des geteilten Deutschlands von der Luftbrücke bis zum Mauerfall. Grob lässt sich das Spiel so beschreiben: Ein Spieler übernimmt die DDR, der andere die Bundesrepublik. Mittels Aktionskarten bauen die Spieler ihre Wirtschaft auf und steigern ihren Lebensstandard. Ein zu großer Lebensstandard-Unterschied - intern und im Ost-West-Vergleich - erzeugt Unruhe. Zu viel Unruhe mündet in einen Massenprotest.
Bei vier Massenprotesten bricht ein Staat am Ende einer Dekade zusammen. Die DDR gewinnt, wenn sie bis Spielende nicht zusammenbricht und damit eine Wiedervereinigung verhindert.

Andernfalls siegt die Bundesrepublik. Zum Spiel gehören 84 individuell gestaltete Aktionskarten. Auf jeder ist ein Ereignis, das ausgelöst werden kann, zum Beispiel oben erwähntes Transitabkommen, aber auch die Montagsdemos, das Wunder von Bern oder der Kniefall von Warschau.

Worin liegt der (Spiel-)Reiz historischer Themen?
Die meisten Brettspiele suchen sich ein historisches Thema, oft aber wird dieses nicht richtig ernst genommen, sondern dient nur als romantisierendes Kolorit. Mir ist hingegen wichtig, über das Spiel in die Historie einzusteigen, die Geschichte damit emotional erlebbar zu machen.

Bei Ihren Spielen arbeiten Sie viel mit Landkarten. Kommen da die beruflichen Wurzeln mit der Spie le leidenschaft zusammen?
Interessanterweise ja. Ich bin Geodät, also Vermessungsingenieur, und Kartografie war Teil meines Studiums.

Landkarten haben mich schon immer fasziniert. Und wenn man nicht ins Abstrakte will, sind sie als Spielplan fast ein Muss.

Wie schwer ist die Vermarktung von anspruchsvollen Spielen abseits des Mainstreams?
Man wird natürlich nie die Stückzahlen erreichen, die ein Mainstream-Produkt erreichen kann. Aber, dank des Internets habe ich mir einen treuen, weltweiten Kundenstamm aufgebaut. Bestellungen aus Australien, Singapur oder Brasilien sind keine Seltenheit. Sogar in den Senegal habe ich schon mal geliefert. Die Messe "Spiel" in Essen ist auch sehr wichtig, vor allem für einen Kleinstverlag. Das ist immer ein guter Start für ein Spiel, wenn es begeisterte Spieler schnell in die Hände bekommen - und hoffentlich auch recht bald mit ihren Freunden spielen.

Was raten Sie jemandem, der sein erstes Spiel entwickeln und auch veröffentlichen will? Worauf kommt es an?
Geduld. Viel Geduld. Viel spielen, viel testen, Varianten ausprobieren. Und nicht immer mit denselben Leuten spielen. Oft kommt ein neuer Spieler und hat eine ganz andere Strategie, und die ist vielleicht eine totale Siegstrategie. Oder er entdeckt eine Regellücke, die er zu seinem Vorteil nutzt. An einen Verlag sollte man erst herantreten, wenn das Spiel wirklich überzeugt. Die grafische Gestaltung ist eher nebensächlich.

Haben Sie schon ein Nachfolgeprojekt für Ihr aktuelles Spiel "Wir sind das Volk!" vor Augen?
Ich habe zwei, drei weniger als halbfertige Prototypen in der Schublade. Eines ist über den Dreißigjährigen Krieg, das andere eine Art Ergänzung zu "Maria", also der italienische Schauplatz des Österreichischen Erbfolgekrieges. Aber, ob die jemals fertig werden und wann, das kann ich nicht sagen ...

Die Fragen stellte
Marco Meißner