Ist das (noch) Kunst? Deutsche Schlager aus den 70ern? Schnulzen? Auf jeden Fall ist es Kult. Wie 1500 Besucher beim Gastspiel von Dieter Thomas Kuhn in Schloss Eyrichshof am Donnerstagabend bewiesen.
Die Fans der "singenden Föhnwelle" aus Tübingen sorgten für Stimmung, wie sie in diesem Jahr auf dem Adelssitz bislang einzigartig war. Schon ab dem ersten Song übernahmen die Fans den Takt, schwenkten ihre Sonnenblumen (Kuhns Markenzeichen im Knopfloch), stimmten jede Textzeile lautstark an. Feierten Party an einem lauen Sommerabend. Fiesta Mexicana pur. Schade, dass nicht mehr Besucher gekommen waren, denn in seiner Heimat, dem Schwabenland, füllen Kuhn und seine Kapelle die Hallen und Plätze serienweise, so dass sogar Wiederholungskonzerte notwendig werden.


"Sommer-Fasching"

Wer daheim geblieben war, verpasste viel: Neben dem "Sommer-Fasching" eine spektakuläre Show, bei der Magnesium-Bomben explodierten, Feuerwerke zündeten, Laser gen Himmel leuchteten und Kanonen Papierschlangen übers Volk verteilten. Eigentlich fehlte nur noch der Bonbonregen. Stattdessen gab's Streicheleinheiten für Herz, Seele und Körper, denn Dieter Thomas Kuhn mischte sich unters Volks, marschierte durch die Massen, damit jeder ihn berühren konnte.
Aber mal ehrlich: Auch ich rückte mit Vorbehalten in Eyrichshof an. Deutsche Schlager waren nie mein Ding gewesen. Frühzeitig schon ging's in Richtung "The Who" oder der "Rolling Stones". Ein paar pubertäre Gedanken flogen Katja Epstein, Mary Roos und Daliah Lavi aber denn doch hinterher, wenn sie in der "Hitparade" bei Dieter Thomas Heck auftraten. Und nun, Jahrzehnte später, das Wiedersehen mit diesem Genre auf der Bühne, vor der sich ein Sonnenblumenfeld auftat.
Auf der Bühne eine Acht-Mann-Kapelle in Kostümen, wie sie kitschiger nicht sein könnten. Und im Publikum? Das gleiche Bild. Was bringt seriöse Geschäftsleute, Apotheker-Frauen, Steuerberater, Metzgermeister, Kreisrätinnen, Schlossherren, erfolgreiche Versicherungsmakler dazu, sich mitten im Sommer, jenseits des Lebenszenits, schrillen Hippie-Fummel überzuziehen und abzutanzen? Die Antwort: beste Unterhaltung, gute Laune. Dargeboten in einer Perfektion und Güte, die fast jede lokale Party- und Faschingsband vor Neid erblassen lässt. Dazu die Magie der Nostalgie, der Gedankenflug zurück in die Teenie-Zeit, die ja beim verklärten Blick zurück so schön und unbeschwert erscheint.


"Zu uns darf jeder kommen"

Das ergreift jeden. Sogar die besagten Manager und die anderen, die im Berufsleben so erfolgreich wurden. Jede Menge Menschen, die das (bayerische) Abitur schafften, waren unter den 1500 Besuchern zu entdecken. Womit sie das Kriterium erfüllt hätten, der Kapelle auf der Bühne die obligatorische Runde Ramazzotti zu reichen. Ein Witz, den nur versteht, wer das Konzert besucht hat ...
Da ist der Spott über den großen Gegenspieler schon leichter erzählt: "Unsere Generation kannte nur Love and Peace", pries Dieter Thomas Kuhn seine Toleranz. "Zu uns darf jeder kommen." Nur einem würde er bei seinen Konzerten Hausverbot erteilen: "Dem Ami mit der Scheiß-Frisur." Womit der politische Teil schon abgehakt war.
Danach flogen BHs bis Körbchengröße E auf die Bühne und die Herzen hinterher. "Sind das schon sexuelle Übergriffe?", fragte der Mann im Glitzerlook mit Hinweis auf die Me-too-Bewegung und beschwerte sich gleichzeitig darüber, dass das heute "eine vergleichsweise kleine Ausbeute" sei.
Den Nostalgietrip feuerte der 53-Jährige immer wieder an. Mit seinem Traum als 15-Jähriger, der von einer Frau, die doppelt so alt ist, verführt wird ("Und es war Sommer" von Peter Maffay), und der Ernüchterung: "Meine Freunde fragten mich zu meinem 50. Geburtstag, was ich mir denn wünsche?" Sie schenkten ihm einen Kasten Oettinger. Ein Bier, das er ebenso ablehnt wie das Bitburger, das ihm und seinen Musikern auf die Bühne gestellt worden war.


Ungestillte Lust auf Frankenbier

"Wir hatten uns doch so sehr auf ein gutes fränkisches Bier gefreut!", lechzte er nach einem Besuch im Biergarten im Gutshof nebenan.
Ob er nach dem Bad in der Menge zu "Fremde oder Freunde" nach der Show tatsächlich den Bummel zum Biergarten unternommen hat, bleibt ungewiss. Denn ungeschminkt und als Normalmensch ist er kaum zu erkennen. Als Wolfgang Heyder jüngst beim Basketball in Tübingen weilte, kam Kuhn auf ihn zu, um letzte Details für den Auftritt in Ebern abzuklären. "Da hab' ich ihn erst einmal gefragt, wer er denn sei?", verriet der Konzertveranstalter.