JOhannes Schlereth Metall ist ein vielseitiger Werkstoff. Aus ihm lassen sich Glocken gießen oder Granaten produzieren. Die beiden Extreme sind gar nicht weit voneinander entfernt. Denn aus Symbolen des Friedens wurden in den beiden Weltkriegen todbringende Geschosse. Viele Gotteshäuser verloren in diesen Jahren Teile ihres Geläuts für immer. Nicht so die Herz-Jesu-Kirche in Bad Kissingen. Sie ist eine der wenigen Kirchen Deutschlands, in der noch heute die gleichen Glocken wie vor 135 Jahren die Gläubigen zum Gottesdienst rufen.

Und das, obwohl 1942 fünf der sechs Glocken bereits auf dem Glockenfriedhof in Hamburg lagen und zu Geschützen für den Krieg umgearbeitet werden sollten. Beschönigend sprach die Propaganda von einer Metallspende.

Nach Vorgabe der Reichsstelle für Metalle mussten zuerst die jüngeren Glocken eingeschmolzen werden. Das war auch das Schicksal, was dem Geläut der Herz-Jesu-Kirche drohte, stammten doch alle Glocken aus dem 19. Jahrhundert. So erklärt sich auch, dass in Deutschland mehr Glocken aus dem Mittelalter erhalten geblieben sind als aus der jüngeren Vergangenheit.

Glück im Unglück

Doch die Glocken der Herz-Jesu-Kirche hatten Glück, auch wenn die Reichsstelle für Metalle 1942 fünf von sechs auf den Hamburger Glockenfriedhof brachte. Zu Granaten wurden sie nicht verarbeitet. "Man hat sie 1947 unversehrt dort gefunden, und noch im September des gleichen Jahres wieder nach Bad Kissingen gebracht", teilt Bohatsch mit. "Das ist ergreifend - der Bischof hat bei der Weihe die gleichen Glocken gehört, wie wir heute", sagt er.

Beim Wiedereinbau zogen die Arbeiter die Glocken durch die Decke des Kirchturms nach oben. "Dabei haben sie 5039 Kilogramm Metall auf etwa 55 Meter Höhe bewegt", sagt Bohatsch. "Das war damals noch ein Holzglockenstuhl." Mittlerweile ist dieser aus Stahl und wird jährlich auf seine Stabilität geprüft. Die Stahlträger seien zwar stabiler, hätten aber einen Nachteil: "Dadurch klingen die Glocken dumpf." Mit einem Glockenstuhl aus Holz wäre der Klang warm und weich.

Klöppelhersteller im Stress

Läuten konnten die Glocken jedoch erst ab Februar 1948. Denn die Klöppel waren verschwunden. Die ersetzte schließlich eine Firma aus dem Harz. Dabei gab es Verzögerungen, denn auch andere Städte brauchten neue Klöppel für ihre Glocken. Die gibt es heutzutage nur, wenn die alten beschädigt sind. "Das kommt ab und an mal vor", sagt Bohatsch.

Die Glocken sind relativ robust. "Damals hat man die Glocken im Turm noch gedreht, so dass der Klöppel nicht immer an die gleiche Stelle geschlagen hat", sagt Bohatsch. Die Spuren sind heute noch im Inneren des Glockenkörpers am Schlagring sichtbar. Das Drehen der Glocke ist mittlerweile nicht mehr notwendig: Durch die elektronische Steuerung lassen sich die Glocken schonend läuten.

"Das Geläut hat dadurch an Transparenz und Ausgewogenheit dazugewonnen", meint Bohatsch. Schöner wäre der Klang nur noch durch einen Glockenstuhl aus Holz. "Wegen der Enge im Turm und den Kosten ist das allerdings nicht so einfach." Nichtsdestotrotz handele es sich bei dem Geläut der Herz-Jesu-Kirche um ein Fenster in die Vergangenheit. Bohatsch: "Es zeigt, welches handwerkliche Geschick und welche musikalischen Vorstellungen damals im Trend waren."