Weil sie im Zug zwischen Zeil und Schweinfurt ohne Fahrschein fuhr, saß eine 19 Jahre alte Frau für eine Woche lang in Berlin in Untersuchungshaft. Die schüchterne Frau wurde mit Fußfesseln in den Gerichtssaal in Haßfurt geführt, zwei Polizistinnen geleiteten sie zur Anklagebank.
Am Verhandlungstag wurde sie mit einem Polizeiwagen von der Hauptstadt nach Haßfurt gebracht. Die Staatsanwältin wollte die 19-Jährige erneut für eine Woche in den Jugendarrest schicken - Alles nur wegen einer Schwarzfahrt? Die Straftat, juristisch verfolgt als Erschleichen von Beförderungsleistungen, liegt schon lange zurück. Auf der oben genannten Strecke stieg die Angeklagte am 9. Februar 2017 spätnachmittags in den Zug - ohne Fahrschein. Das Ticket hätte 6,30 Euro gekostet. Der Schaffner erwischte sie und die Deutsche Bahn erstattete Anzeige.


Zwei Mal nicht erschienen

Warum es zu den drastischen Maßnahmen kam, wird erst verständlich, wenn man weiß, dass die Heranwachsende bei zwei Gerichtsterminen unentschuldigt fehlte. Die Ladungen zu diesen Terminen waren an den Wohnort der Eltern im Landkreis Schweinfurt gerichtet, weil sie dort immer noch gemeldet ist. Aber sie lebt an wechselnden Wohnorten in ganz Deutschland, die amtlichen Schreiben hätten sie laut eigener Aussage nicht erreicht.


Lohn reicht nicht

In letzter Zeit hat sich die Beschuldigte schwerpunktmäßig in Berlin aufgehalten, wo sie nach eigenen Angaben für eine Firma als Webdesignerin jobbt. Dabei verdiene sie nur rund 600 Euro im Monat,wovon sie sich keine eigene Wohnung leisten könne. Bislang schlafe sie übergangsweise bei Freunden oder in billigen Hotels. Vor einer Woche geriet sie in der Hauptstadt in die Fänge der Polizei, erklärte sie auf Nachfrage des Richters. Im Polizeicomputer entdeckten die Beamten, dass die Frau mit einem sogenannten Sitzungshaftbefehl gesucht wird. Deshalb kam sie bis zum neu angesetzten Verhandlungstermin in Untersuchungshaft.


Bereits drei Vorstrafen

Hier stellte sich heraus, dass die Frau bereits drei Vorstrafen hat - jedes Mal wegen Diebstahls. Nach dem dritten Mal wurde sie zu vier Tagen Jugendarrest verurteilt. Die Staatsanwältin appellierte mit drastischen Worten an die Beschuldigte, dass sie sich endlich um ihre Angelegenheiten kümmern und Sorge dafür tragen müsse, dass amtliche Schreiben sie per Post erreichen. Die Staatsanwältin schimpfte, dass durch das Abtauchen der Angeklagten das Strafverfahren nur mit einem irrsinnigen Aufwand an Steuergeldern durchgeführt werden könne. Angesichts der Vorstrafen forderte sie eine Woche Dauerarrest, zusätzlich zur bereits verbrachten Untersuchungshaft.


Mildes Urteil

Doch Jugendrichter Kober hatte in diesem Fall ein Einsehen und verhängte ein eher seltenes Urteil: Er sprach eine Verwarnung aus und bestimmte, dass aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel die Kosten des Verfahrens von der Staatskasse zu tragen sind. Das milde Urteil begründete er unter anderem damit, dass die Heranwachsende schon eine Woche in Berlin einsitzen musste.
Die Frau konnte ihr Glück kaum fassen und man hörte förmlich, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Überschwänglich und gerührt bedankte sie sich beim Gericht. Da auch die Staatsanwältin darauf verzichtete, Rechtsmittel einzulegen, wurde das Urteil sofort rechtskräftig.