von unserem Redaktionsmitglied Ralf Kestel

Römmelsdorf/Kreis Haßberge — Sie sind die "Wetterfrösche" unter den Vögeln im Volksmund: Wenn sie tief fliegen, zieht Regen auf. Und ein Alleingänger dieser Art macht noch keinen Sommer, heißt es da. Der Umkehrschluss gilt auch: Der frühzeitige Abflug der Schwalben deutet auf einen "baldigen Winter" hin, meint nicht nur Hermann Schmidt. Der 69-jährige Landwirte aus dem Pfarrweisacher Gemeindeteil Römmelsdorf gehört zu den "Schwalben-Königen" im Landkreis. Eine Bezeichnung, die man eher aus der Welt des Fußballs, denn aus der Vogelwelt kennt.
Die Welt der Schwalben scheint nicht mehr in Ordnung. "Unsere Schwalben sind schon fort und haben heuer ganz anders als sonst nur ein Mal gebrütet", hat Gastwirt Herbert Schramm aus Reutersbrunn an seinem und des Nachbarn Haus festgestellt.
Auch im Hof eines früheren Bauernanwesens in der Neubrückentorstraße in Ebern haben die Flugkünstler ihre Nester schon verlassen. "Vier Wochen früher als sonst fliegen die Schwalben gen Süden", hat eine Vogelschutzwarte in Thüringen laut Deutscher Presseagentur festgestellt.
Dabei gilt doch die alte Bauernregel: "An Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt." Doch bis zu diesem Kirchenfest am 8. September sind es noch einige Tage hin, die Vögel aber weg.
Es werden sowieso immer weniger, hat Harald Amon , Vorsitzender des Bunds Naturschutz in Ebern bei entsprechenden Bestandserhebungen festgestellt: "Vor allem bei den Rauchschwalben, die in Ställen nisten, nehmen die Bestände bei uns stark ab, weil es eben immer weniger Bauernhöfe gibt."

Zahl geht zurück

"Ich teile die Einschätzung, dass die Schwalben weniger werden. Die Gründe sind vielfältig. Es fehlen die Nahrungsgrundlagen durch zunehmende Hygiene in den Ställen, d.h. weniger Fliegen; die Jagdgebiete über Monokulturen wie Mais bieten kaum Insektennahrung, die Nistmöglichkeiten, das Nistbaumaterial, witterungsbedingte Ausfälle auf dem Zug, ökologische Verschlechterungen sowohl im Überwinterungsgebiet als auch bei uns", weiß Edgar Maier aus Ebern aus seiner langjährigen Tätigkeit als Vorsitzender des Kreisgruppe des Landesbundes für Vogelschutz.
Dass die Schwalben früher abgezogen sind, mag Maier aber nur zum Teil bestätigen. "Dies sind oftmals diejenigen Schwalben, die ohnehin sehr spät angekommen sind (wegen schlechter Witterung auf dem Zug nach Europa) und daher keine Zeit mehr hatten, eine zweite Brut anzufangen. Diese Nachzügler machen sich auch eher auf den Weg in den Süden."
Und dies trifft vorrangig auf die Mehl- und Hausschwalben zu, wie Bauer Hermann Schmidt aus Römmelsdorf überzeugt ist. "In meinem Stall habe ich heute Morgen noch 80 Rauchschwalben gezählt."
Und wo sich die Hausschwalben herumtreiben, wissen er und Ehefrau Hedwig (67) auch: "Über den Maisfeldern." Dort hängen sie wie ein Bienenschwarm drüber, hat Hedwig beobachtet. "Da finden sie süße Nahrung und viele Schnaken", ergänzt ihr Ehemann.

Findlinge per Hand aufgezogen

Er kennt sich aus, sind die filigranen Fliegenfänger doch sein erklärtes Hobby, das ihn auch schon ins Radio brachte. Der Landwirt, der noch einige Milchkühe, ansonsten Bullen und Kälber als Mastvieh hält, beobachtet die gefiederten Freunde ganz genau, notiert die Tage der Ankunft und des Abfluges, bereitet ihnen Unterschlupfmöglichkeiten durch künstliche Nisthilfen und holt sie sich sogar ins Haus.

Schnabel knabbert am Ohr

"Wenn ein Kleines aus dem Nest fällt, ziehen wir es selbst auf." Das ist schon in mehreren Fällen gelungen. So auch in diesen Tagen, da eines von vier Jungen, die aus dem Nest fielen, gerettet wurde. "Das war vor sieben Tagen, da hatte es noch keine Federn."
Jetzt streicheln Hedwig und Hermann Schmidt ihren Schützling schon zärtlich und päppeln ihn mit Rinderhackfleisch auf. Tagsüber jede Viertelstunde. "Der hat ganz schön Appetit." Und bei einer verspäteten Fütterung wird in der Küche des Bauernhauses auch lautstark protestiert.
Am Abend gibt's den Dank für die Fürsorge: "Da hockt sie sich auf meine Schulter, kriecht ganz nahe ran, sucht die Wärme und pickt mir ins Ohr", freut sich Hermann über die tierische Liebkosung.
"Ich hoffe, dass die Alten noch ein bisschen bei uns bleiben, damit unser Nachwuchs mit kann, ansonsten müssen wir ihn ja behalten, oder ein Flugticket nach Afrika kaufen", scherzt der Landwirt, der schon "Flug-Erfahrungen" gesammelt hat.
"Wir haben schon mehrere Nestflüchtlinge aufgezogen. Einen hatte ich im Schlepper auf der Fahrt zu unserem Zweigbetrieb in Üschersdorf mitgenommen, was wegen der viertelstündigen Fütterung ja notwendig ist, und dabei hat er einen Schwarm gesehen und ist einfach hoch und hinterher geflogen." "Wir haben noch zwei Junge in einem Nest im Stall, hoffentlich schaffen die das auch noch," bangt die Bäuerin Hedwig mitleidsvoll. "Die sind doch etwas spät dran." Die Schwalben am Haus haben auch in Römmelsdorf nur einmal gebrütet, die im Stall aber zwei Mal, haben die Schmidts beobachtet. "Drei Mal war auch schon der Fall."
Dabei zieht Hermann Vergleiche zum Menschen: "Die brauchen mittlerweile auch schon zwei Nester, wie die Menschen, während das Weibchen noch drauf hockt und brütet, baut der Schwalberich schon am nächsten Nest." Davon haben die Schmidts genügend in Stall und Hof. Sorgen durch künstliche Nisthilfen, die Vogelfreund Robert Schelhorn aus Dürrnhof für den Bund Naturschutz baut, sogar für zusätzliche Quartiere.

Nesterzahl geht zurück

Solche Tierfreunde ringen den BN-Mitgliedern Bewunderung ab. Harald Amon weiß, dass die Schwalben als Mitbewohner nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Denn das muntere Gezwitscher geht auch mit Unannehmlichkeiten einher: "Wir haben schon an der Gastwirtschaft Gall und in Heubach schon Kotbretter angebracht."
Leider seien die Ausweichquartiere an den FTE-Bauten, die nach dem Abriss des Bahnhofes als Ersatz für die 20 Nester angebracht wurden, nie angenommen worden, bedauert Amon und fürchtet, dass die Zahl der Schwärme in Zukunft weiter kleiner wird, weil: "Neubauten sind für den Nestbau immer weniger geeignet und solche Untermieter auch nicht willkommen."

"Normales Schwalbenjahr"

Die aktuelle Situation sieht Alf Pille, Agrarbiologe beim Landesbund für Vogelschutz in Hilpoltstein, aber weniger dramatisch: "Das kann natürlich regional unterschiedlich sein, aber meiner Meinung nach ist es ein normales Schwalbenjahr. Schlechtwetterereignisse wie letztes Jahr blieben zum Glück größtenteils aus, und die Schwalben konnten (aus meinen Beobachtungen) auch mehrere Bruten durchbringen. Zum Teil sind einige Schwalben immer noch mit dem Nachwuchs beschäftigt."
Laut Literatur beginne der Abzug Ende Juli/Anfang August. Der Gipfel liege im September. Bei einigen Nachzüglern sogar bis November. Ich würde sagen, es bewegt sich alles im normalen Rahmen."
Und auch Herbert Schramm in Reutersbrunn hat erst am sonnigen Donnerstag etwas entdeckt: "Jetzt sind sie auf einmal wieder da."