Wieder war das Rudolf-Winkler-Haus bis oben hin voll besetzt. Alle wollten wissen, wie es damals war. "Damals", damit war die Zeit des Dreißjährigen Kriegs bis zum Ende des Hochstifts Bamberg um 1803 gemeint. In zahlreichen Bildern und in einem Vortrag, bei dem Jahreszahlen und historisches Faktenwissen im gut ausgewogenen Verhältnis mit unterhaltsamen Orginalaussagen von damaligen Zeilern gemischt waren, wurde dem Publikum ein plastischer Eindruck in die Geschichte Zeils gegeben. Profunder Referent war Alois Umlauf, einer der vier Zeiler Heimatforscher, die die Vortragsreihe im Jubiläumsjahr gestalten. Der Umlauf-Vortrag zur Stadtgeschichte war ein weiterer Beitrag zur 1000-Jahr-Feier, die die Stadt heuer begeht.
In elf Kapiteln gab er Auskunft über die wechselhafte wirtschaftliche Lage der Stadt, über das Thema Aus- und Zuwanderung genauso wie über die medizinische Versorgung und das Handwerk. Der Umgang mit Katastrophen wurde anhand des örtlichen Feuerschutzes sowie anhand der militärischen und der politischen Gegebenheiten deutlich.
So manchem Zuschauer kam dabei die Erkenntnis, dass diese Themen wohl die gesellschaftlichen Fragen aller Zeiten sind. Und nicht nur der Bürgermeister Thomas Stadelmann machte beim Thema "marode Straßen und hohe Verschuldung der Stadt" innerlich einen schmunzelnden Direktflug in die heutige Zeit. Alois Umlauf zitierte den Kastner Erhard Fexer, der 1780 schrieb:"Zeil ist das ärmste Amt im Hochstift Bamberg... Der Fernreisende kommt nicht mehr durch Zeil, weil die Wege außerordentlich schlecht und verdorben sind."
Auch die medizinische Versorgung auf dem Land war mehr als dürftig. Im ganzen Hochstift Bamberg gab es nur vier Ärzte, nämlich in Kronach, in Forchheim, in Vilseck und in Zeil. Man rang darum, die einfachen Bader, Chirurgen und Hebammen auf eine allgemeine Basis an medizinischem Grundwissen zu verpflichten, damit die Bevölkerung nicht den "Pfuschern" ausgeliefert war.
Hexenwahn, Krieg und Pest dezimierten die Zeiler Bevölkerung von 1500 auf 500. Fast kein Haus war ohne Opfer, kein Haus mit intakter Familie, kein Haus ohne Beschädigung. Und es dauerte fast 100 Jahre, bis der ursprüngliche Bevölkerungsstand wieder erreicht werden konnte.
Trotz der überschaubaren Stadtgröße hatte Zeil ein fast überbordendes Verwaltungssystem. Neben den vier Viertelmeistern, wie die Zuständigen für ein Stadtviertel genannt wurde, gab es noch einen Ober- und einen Unterbürgermeister und weitere zehn Räte. Dazu kamen noch der Amtmann und der Stadtvogt als Stellvertreter des Fürstbischofs von Bamberg.
Die Ära Bamberg endete für Zeil, als 1802 zwangsweise eine völlig neue Verwaltungsform auf Zeil zukam, denn als Folge des zweiten Koalitionskriegs (1799 bis 1802) wurden die geistlichen Fürstentümer Bamberg und Würzburg aufgelöst und in das Königreich Bayern eingegliedert. Durch diesen abrupten Verlust an kultureller Identität standen die Region und die Stadt Zeil vor der Aufgabe, ein neues fränkisches Bewusstsein allmählich wieder zu schaffen. Ob und wie das gelingt, kann man am 21. September und 18. Oktober bei den nächsten stadtgeschichtlichen Vorträgen erfahren, zu denen der Bürgermeister Thomas Stadelmann bereits einlud.