Stephan grossmann

2006 war der Wendepunkt. Eine ganze Nation wagte sich plötzlich reich beflaggt auf die Straßen und schrie den Bundesadler stolz auf ihrer Brust tragend "Schlaaaaand" in die sommerliche Nacht hinaus. Konservative, Liberale, Progressive, Nihilisten - sie alle ließen sich vom großen Sommermärchen verzaubern. Ok, die Nihilisten vielleicht nicht. Aber selbst ich konnte nur schwerlich dem kollektiven Freudentaumel entkommen.
Seither beginnt es alle zwei Jahre erneut. Mal ist die Welt, mal der Kontinent zu Gast bei Freunden. Dann wird es immer wieder schwer für mich. Aus vielen Gründen. Auf der einen Seite kann ich nur wenig damit anfangen, wegen eines Sportturniers plötzlich Nationalflaggen zu schwenken und mich mit dreifarbigen Merchandisingprodukten vollzukleistern. Apropos: Mein ausgewaschenes DFB-Shirt trägt noch immer nur drei Sterne und wird allenfalls durch Nutella-, Ketchup- oder Senfflecken flaggengetreu eingefärbt. Basta.
Hinzu kommt, dass ich mich kaum traue, bei den zahlreichen Tipprunden die sportlich vernünftigste Lösung vorherzusagen. Hätte ich am Tag nach meinen als absurd abgestempelten Tipps triumphierend die Punktevergabe verkündet, wäre ich wohl aus der App geflogen. Wer laut meiner Glaskugel Weltmeister wird, verrate ich daher lieber erst recht nicht...
Dann gibt es aber die positive Seite der Medaille. Klar hätte ich mich gefreut, wenn Neuer, Müller und Kollegen gut gespielt und den deutschen Sportfans Grund zum Jubeln gegeben hätten. Die wenigen Tore von "Die Mannschaft" erhellten die Stimmung beim Public Viewing ungemein. Selbst meine Frau war im WM-Fieber, wenn auch aus anderen Gründen: Freudenstrahlend und mit der Fernbedienung wedelnd rief sie mir "Heute spielt wieder Portugaaaaal!" entgegen und ich freute mich mit ihr. Aber eine göttliche Überhöhung der Rasenballer und "Mittelfüße der Nationen" geht mir zu weit. Dafür brenne ich zu sehr für Randsportarten wie Basketball und Hallenhalma.
"Wir leben in einem Land, in dem mehr Mauern als Brücken stehen" heißt eine Textzeile des Hamburger Rappers Samy Deluxe. Falls Sport es vermag, diesen Umstand in Zeiten neuer Fremdenfeindlichkeit zumindest vorübergehend umzukehren, kann ich vieles verzeihen. Wenn sich Rot-Irokesen-Jugendliche mit Nachwuchs-Politikern der Jungen Union in den Gartenlauben ihrer Großväter plötzlich in den Armen liegen, weil Toni Kroos nach mehr als 190 WM-Minuten endlich das Tor trifft, oder sie gemeinsam das Debakel gegen Südkorea (und gegen sich selbst) betrauern, nenne ich das wahre Völkerverständigung.
Und doch bin ich froh, wenn das WM-Spektakel endet. Wenn Normalität einkehrt und ich beim Bierkeller-Smalltalk auf die Frage "Biste Glubberer oder Bayern-Fan?" wieder "Nix davon!" sagen kann. Wenn ich nicht ständig das Gefühl bekomme, etwas zu verpassen, nur weil ich TV-Übertragungen von stinklangweiligen Vorrundenpartien nicht gesehen habe. Wenn wir uns endlich wieder den wichtigen Dingen des Lebens widmen können.
Obacht, These: Das WM-Aus ist sogar im Sinne deutschen Kickens. Heißt es nicht, "König Fußball" regiere die Welt? (Gut, nicht die ganze. Aber Deutschland auf jeden Fall.) Aus historischer Sicht können wir vermuten: Wenn sich ein Monarch zu gemein mit dem Volk macht, wird er seinen royalen Titel auf kurz oder lang einbüßen. Also sollte er schnell in seinen Herrschersitz zurückkehren: die Sportschau am Samstag. Und ich kann endlich mein dreisterniges DFB-Shirt in die Wäsche werfen.