Johannes Schlereth

Der Weg in den Kirchturm wirkt noch einfach: eine steinerne Wendeltreppe, in der mittlerweile vom Begehen Trittmulden sind. Der Kissinger Küster Dietmar Hack, den ich in den Glockenturm der Jakobuskirche begleite, bleibt plötzlich vor einer eisernen Leiter stehen. "Da müssen wir jetzt hoch hinaus", scherzt er. Vorsichtig geht es Tritt für Tritt die Leiter nach oben. "Kopf einziehen", ermahnt er mich, als wir uns von der Leiter durch einen niedrigen Durchgang in den eigentlichen Turm quetschen.


Auf dem Holzweg

Von jetzt an geht es auf dem Holzweg weiter. Die Treppen und Böden sind nicht mehr aus Stein, sondern aus dicken alten Eichenbohlen. Bei jedem Tritt knarzt der Boden unter den Füßen. Manches fest wirkende Geländer entpuppt sich beim Festhalten als lose. "Das wurde bereits bemängelt, ich bin gespannt, wann das gerichtet wird", betont Hack, als er meine Skepsis bemerkt.
Die Treppen werden immer schmaler und steiler, bald muss man wieder den Kopf einziehen. Wir passieren das alte funktionsfähige Uhrwerk und dessen Gewichte. Das einzige elektronische Bauteil ist ein Motor, der jeden Morgen die Gewichte aufzieht. Auch wenn der Zeiger nicht zu sehen ist, hört man deutlich das mechanische Klicken, als er eine Minute weiterwandert.


Frost sorgt für Probleme

Ungeachtet ihres Alters laufe die Uhr äußerst gleichmäßig, so der Küster. Zwar gäbe es im Winter gelegentlich Probleme durch den Frost, der dazu führe, dass die Uhr eine Minute nachgehe, aber dies sei eine leicht zu behebende Störung. Schließlich erreichen wir den Glockenstuhl. Über uns ist nur noch das Dach des Turmes. Durch die Schallluken fällt das Licht auf dicke Balken, die die drei Glocken der Jakobuskirche tragen. In den Zwischenräumen sind zahllose Drähte, Leitungen, Stangen und Zahnräder. Selbst der Boden ist von Seilzügen durchzogen. Insgesamt hängen heute 471 Kilogramm Gussmetall im Turm.


Drei Glocken in der Jakobuskirche

"Früher gab es sechs Glocken, zwei davon sind in die Stadtpfarrkirche gekommen", erklärt mir der 51-Jährige den Glockenbestand. Um Waffen zu produzieren, wurden im Ersten Weltkrieg zwei Glocken entfernt. Zur Wiederaufstockung des Geläuts trug die Installation einer neuen Glocke 1921 bei. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden erneut zwei Glocken für Rüstungszwecke ausgebaut. "Wir hatten Glück, unsere beiden Glocken konnten auf dem Glockenfriedhof in Hamburg nach dem Krieg wiederentdeckt werden, so dass aktuell wieder drei Glocken in der Jakobuskirche sind", führt Hack die Geschichte des Geläuts aus. Das soll jedoch während der Kartage abgestellt werden. Hierzu müssen nicht etwa Klöppel und Hammer demontiert werden: "Einfach ein paar Schalter umlegen, dann ist's ruhig", erklärt Hack einen Teil seiner Aufgabe am Gründonnerstag. Das Elf-Uhr-Läuten unterbricht unser Gespräch. Als die Glocken verstummt sind, erklärt er, dass das fehlende Läuten während der Kartage in Kissingen durch Klapperbuben ersetzt wird, bevor die Glocken an Ostern wieder ihren Klang über die Dächer Kissingens wehen lassen dürfen.