Coburg — Wer erinnert sich noch an Schildkröt- oder Käthe-Kruse-Puppen, die Häschenschule oder das Sandmännchen? In den Räumen, wo Friedrich Rückert einst seine Frau Luise kennenlernte, lädt das Coburger Puppenmuseum heutzutage zu einer Reise mit allen Sinnen durch die Kindheit verschiedener Generationen ein. Von der herkömmlichen Charakterpuppe, die damals eine Art Vorbild für die Mädchen darstellen sollte, bis zur Playmobil-Ritterburg wird allen Altersgruppen die Geschichte des Spielzeugs spielerisch erklärt. Mit viel Liebe zum Detail wird den Kindern Möglichkeit zum Verkleiden, Fingertheater Spielen oder Basteln gegeben, während "im Herzen Kind gebliebene" in der Vergangenheit schwelgen und Dinge aus der eigenen Kindheit wiederentdecken dürfen, erklärt Museumsleiterin Christine Spiller. Vor allem für Familien und Sammler gebe es viel zu entdecken, berichtet sie weiter.

Wie Wissen entsteht

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Welche Parallelen Architektur, Informatik und Spielzeug aufweisen, wird in der aktuellen interdisziplinären Sonderausstellung des Puppenmuseums gezeigt. "Modelle, die die Welt bedeuten", seit Mitte Mai zu sehen, stellt vielfältige Modelle unterschiedlicher Wissenschaften dar. Diese lassen sich vom Besucher interaktiv ausprobieren und stammen aus dem Bereich der Mechanik, Biologie, Design und vielen Weiteren. Ein besonderes Exponat ist zum Beispiel ein Globusmodell, das 36 Stunden lang mit einem 3D-Drucker im Creapolis-Makerspace hergestellt wurde. Letzteres ist eine Initiative der Hochschule Coburg, die ihr Wissen für eine positive Regionalentwicklung teilen will.

Der Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Spiel kann durch das Puppenhaus-Modell erklärt werden. Viele Häuser waren oft gar nicht zum Spielen gedacht, sondern dienten als Modell für bürgerliche Wohnkultur, Normen oder Regeln. "Anhand eines Puppenhauses können wir zum Beispiel die Regeln der Erziehung nachvollziehen oder Möbelstilkunde betreiben", erklärt Christine Spiller. Wissenschaftliche Modelle vermitteln spielerisch den Einblick in die Arbeitsweisen der jeweiligen Disziplin. "Die Wissenschaft spielt eben auch, nur nennt man es hier experimentieren", sagt die Museumsleiterin.

Studenten der Hochschule Coburg haben bei der Ausstellung mitgewirkt und ihre Modelle teilweise dort veröffentlicht, außerdem bieten sie Führungen durch die Sonderausstellung an (nähere Informationen auf der Website www.coburg.de).

Neuer Ausstellungsraum

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Ein Stadtratsbeschluss hat die ehemaligen Räumlichkeiten des Elektronikfachhändlers Holzberger & Koch nach dessen Schließung im Februar für Sonderausstellungen freigegeben. Von nun an sollen hier Objekte der städtischen Sammlungen, Kooperationen mit historischen Vereinen und Exponate von privaten Künstlern ausgestellt werden, kündigt Christine Spiller an. "Der neue Raum soll als thematische Erweiterung des Puppenmuseums dienen", so die Museumsleiterin, weshalb er ab jetzt nur durch das Treppenhaus im Puppenmuseum begangen werden könne. Die Durchbrechung der Wand zwischen den beiden Gebäuden ist für Oktober geplant.

Der erste Teil der 600 Quadratmeter großen Dauerausstellung zeigt die bürgerliche Kindererziehung durch Spielzeuge im 19. Jahrhundert und dessen Entwicklung. Modelle der großen Haushaltsfamilie bis hin zur bürgerlichen Kleinfamilie werden durch die Mischung aus Theorie und Praxis verständlich gemacht. Kinder können an der Magnettafel "Familie heute" ihre eigene Familie darstellen und dabei über Rollenbilder und Geschlechter nachdenken.

"Wir achten besonders darauf, Geschichte, Gegenwart und Praxis zu kombinieren", so Christine Spiller. Durch historische Hintergründe werden primär Erwachsene angesprochen, die Kinder können daneben an verschiedensten Stationen spielen und ausprobieren. "Die Idee dahinter ist, dass eine Oma-Enkel-Verbindung entsteht und die Kinder sich auch etwas erklären lassen", berichtet die Museumsleiterin, die seit 2007 im Amt ist.

Die Verbindung aus Geschichte und Spiel gelingt beispielsweise im Raum für traditionelle Spielsachen, wo es unter anderem den Peitschenkreisel zu entdecken gibt. "Besonders das Murmelspiel wird rege genutzt", sagt Christine Spiller und fügt hinzu: "Manche Familien verbringen hier Stunden".

Der zweiter Teil der Dauerausstellung bezieht sich auf die Entwicklung der Spielpuppe und ziehe vor allem ältere Frauen und Sammler an, erklärt die Museumsleiterin.

Hier ist von den Anfängen der Puppenindustrie bis hin zur modernen Babyborn alles zu sehen. Alle Puppenbestände gehen aus Sammlungen hervor, die seit der Gründung des Museums 1987 zusammengetragen wurden. Einige der "Charakterpuppen" stammen aus der Sammlung der Museumsgründerin, Carin Lossnitzer, der am Ende der Ausstellung zwei Räume gewidmet sind.

Bezug zu Coburg

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Außerdem gibt es einen Raum für Materialgeschichte und einen zum Zweiten Weltkrieg. Den Geschmack der 50er Jahre kann man sich durch typische Bonbons der damaligen Zeit "auf der Zunge zergehen lassen", so Christine Spiller. Spielsachen, die spannende Geschichten oder Reisen hinter sich haben, erzählen ihre Anekdote hier auf Knopfdruck. So zum Beispiel ein Rennwagen von einem Flüchtlingsjungen oder einen Kaufladen, der von zwei Coburger Vätern handgefertigt wurde. Der Bezug zu Coburg lässt sich in der Ausstellung mehrfach feststellen: das Gregoriusfest im Jahr 1953 wird beispielsweise thematisiert und es lassen sich Objekte aus den städtischen Sammlungen finden.

Hinter einer Station verstecken sich zwei Sandmännchen. "Viele wissen gar nicht, dass es zwei Versionen davon gab", berichtet Christine Spiller: "Das aus dem Westen und das aus dem Osten".

Neben der Ausstellung lädt das Puppenmuseum auch zum Ausruhen ein. Der Museumspädagogische Raum beinhaltet Krabbeldecke, Schaukelpferd, Baukästen und vieles mehr und ist auch für Babys geeignet. Hier finden auch das Ferienprogramm und weitere museumspädagogische Angebote statt. Es besteht außerdem die Möglichkeit, den Kindergeburtstag hier zu Feiern.

Seit diesem Jahr gibt es auch einen an die Ausstellung angepassten Museumsführer für Kinder. Darin enthalten sind Spielanleitungen, Kochrezepte, Rätsel, sowie Mal- und Bastelvorlagen. Für fünf Euro ist die gedruckte Erinnerung an den Museumsbesuch im Museumsshop erhältlich.