Anfang Mai hatte der Sängerkreis Bayreuth Kai Konrad zum Nachfolger von Kreischorleiter Heiner Beyer gewählt. Er ist musikalisch zuständig für 120 Chorgemeinschaften mit 3405 Aktiven in den Landkreisen Bayreuth, Hof, Kulmbach und Wunsiedel. Nach den ersten sechs Monaten haben wir mit Kai Konrad über seine Vorstellungen und Ziele gesprochen.

Konrad ist Musiker durch und durch. Er brennt auch mit 63 Jahren noch für sein Metier. Ziel des ausgebildeten Opernsängers, der 2020 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiert, ist es, das Singen mit Laien auf eine neue Basis zu stellen. "Menschen zum Musizieren zu bringen, sie zu ermutigen, auch mal andere Wege zu gehen und auch mal über den berühmten Tellerrand hinauszuschauen, liegt mir sehr am Herzen", hatte er gleich nach seiner Wahl betont.

Für junge Sänger öffnen

Er wolle die erreichen, die bereit seien, ihren Chor auch für frische, junge Sänger zu öffnen. "Ich möchte die Leute ansprechen, die wollen, dass in ihren Chören etwas passiert." Deshalb hatte er bereits Ende Juni die Vorsitzenden und Chorleiter zu einem ersten Beschnuppern eingeladen, um ihnen seine Gedanken und Vorstellungen über die künftige Zusammenarbeit vorzutragen. Dabei wurde allen Beteiligten eines klar: Wenn Kai Konrad etwas anpackt, setzt er sich auch voll dafür ein.

Als Erstes schwebte ihm im Sängerkreis die Bildung eines Projektchors vor. Er sieht diesen als Aushängeschild und Botschafter der Chormusik zugleich - und als eine Möglichkeit, die Kraft des Sängerkreises nach außen zu tragen. "Aber da müssen alle an einem Strang ziehen, alleine kann ich das nicht." Deshalb hat er alle 120 Chöre angeschrieben. "Wenn nur aus jedem zweiten Chor des Sängerkreises ein Sänger teilnimmt, wären das bereits 60", kommt er ins Schwärmen. "Das wäre schon eine stattliche Basis."

Am Samstag ist wieder Probe

Geplant hat Kai Konrad zunächst eine monatliche Probe, und zwar immer samstags von 10 bis 14 Uhr im Kulturzentrum "Notenbank" in Streitau, Tennersreuther Straße 1. Der Ort liegt innerhalb des Sängerkreises ziemlich zentral. Mittlerweile fand der erste Probentag mit 25 Teilnehmern statt. Es ist also noch Luft nach oben. "Da entwickelt sich was", sagt der Kreischorleiter und ruft deshalb alle, die gerne singen, auf, beim nächsten Probentermin am 2. November teilzunehmen.

Dazu muss man keine Noten oder vom Blatt singen können. "Man sollte aber schon ein Lied, eine Melodie nachsingen können", so Konrad. Dabei spiele es keine Rolle, ob jemand in einem Chor des Sängerkreises aktiv ist. "Wir wollen mit deutscher Romantik anfangen. Mit Liedern von Brahms, Mendelssohn, Reger, Schubert oder Schumann können wir da aus einem großen Feld wählen."

Nicht fürs stille Kämmerlein

Ziel sei es, mit diesem Chor auch Konzerte zu gestalten, bei denen dann das Erarbeitete präsentiert werden kann. "Nur fürs stille Kämmerlein proben wir nicht." Kai Konrad hat sein Leben lang Musik gemacht. Er kennt die Probleme, mit denen viele Chöre zu kämpfen haben: Überalterung, kein Nachwuchs, fehlende Chorleiter. Als er 2012 den Gesangverein Streitau übernommen hat, stand er vor der gleichen Situation. "Als ich damals gesagt habe, wir singen jetzt mal Brahms-Lieder, haben viele prophezeit: Da kommt niemand mehr. Es war genau umgekehrt. Da kamen auf einmal Leute, die mal etwas anderes singen wollten, auch junge." Wenn man junge Leute haben wolle, müsse man auch bereit sein, auf sie einzugehen, ist Kai Konrad überzeugt. Er hat in Streitau jetzt einen Liederabend mit dem Thema "Hollywood meets Broadway" eingeübt. "Die Älteren haben zwar zuerst gestöhnt, aber sie haben mitgezogen. Da muss man sich auch etwas verbiegen können." Seine Sicht ist nicht von der Hand zu weisen: Viele von den älteren Sängern wollen, dass der Chor, dem sie vielleicht schon 40 oder 50 Jahre angehören, nicht kaputt geht. "Früher wurde in der Schule noch gesungen und Theater gespielt, das ist heute nicht mehr so. Was fällt heute aus, wenn Lehrermangel ist? Sport und Musik. Das ist schade", sagt er.

Und er hat noch viele Ideen: Er möchte einen regen Austausch zwischen den Chören, hilfreich wäre dabei eine eigene Homepage des Sängerkreises. "Dann kann man sich gegenseitig auch mal aushelfen, wenn ein Chor bei einem wichtigen eigenen Konzert kurzfristige personelle Probleme hat. Vielerorts herrscht noch zu viel Konkurrenzdenken untereinander. Das müssen wir abstellen. Nur dann klappt es."

Kochen im eigenen Saft

Konrad betont, dass er Unterstützung braucht. "Wenn die Leute wollen, dass etwas passiert, müssen sie auch mithelfen." Keine Lösung auf Dauer ist es für ihn, zu einem Konzert fünf Chöre einzuladen. "Dann ist zwar die Bude voll, aber die Chöre kochen in ihrem eigenen Saft." Er sei bereit, mit ehrgeizigen Mitstreitern eine Strategie zu entwickeln, wie die Situation verbessert werden kann.