Kronach — In diesen Wochen wird des bayerischen Schicksalsjahres 1919 gedacht, insbesondere der Ermordung von Kurt Eisner (USPD), Literat, Revolutionär und nach dem Sturz der Monarchie von der Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte in München zum Bayerischen Ministerpräsidenten gewählt.

Auf dem Wege in den Bayerischen Landtag - seine Partei hatte bei den Landtagswahlen vom 12. Januar 1919 mit 2,5 Prozent der Stimmen eine desaströse Wahlniederlage erlitten - wurde Kurt Eisner durch den Studenten Anton Graf Arco-Valley am 21.Februar 1919 in der Prannerstraße ermordet. Vergessen wird dabei oft, dass auf der folgenden konstituierenden und tumultuösen Sitzung des neu gewählten Landtages ein weiteres Attentat erfolgte. Der Metzger Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates, feuerte auf den sozialdemokratischen Innenminister Erhard Auer. Auer wurde zwar getroffen, überlebte aber. Der Kronacher Abgeordnete Heinrich Osel (Bayerische Volkspartei) und ein Zuschauer, Major Paul von Jahrreiß, wurden dagegen tödlich getroffen.

Beim Einschreiten getroffen

Kardinal Faulhaber hat in seinen erst vor kurzem editierten Tagebüchern unter dem 22.Februar 1919 bemerkt, dass der Abgeordnete Osel noch versucht habe, dem Attentäter die Pistole zu entreißen, dabei aber selbst von einer tödlichen Kugel erfasst wurde. Kronach hat allen Anlass, sich seines früheren Abgeordneten Heinrich Osel in Dankbarkeit zu erinnern. Heinrich Osel, am 10. Mai 1863 in Hallstadt bei Bamberg geboren, absolvierte nach dem Schulbesuch in Bamberg die allgemeine Abteilung der Technischen Hochschule in München und studierte anschließend an der Akademie der Schönen Künste in München. Da er von seinem künstlerischen Schaffen offensichtlich nicht leben konnte, trat er in den Staatsdienst ein und wurde bald zum Zollinspektor ernannt. In der Folgezeit wurde er nach seiner vorzeitigen Pensionierung Mitbegründer und erster Schriftführer des oberbayerischen christlichen Bauernvereins, später 2. Direktor der Zentralgenossenschaft des Bayerischen Bauernvereins und enger Vertrauter des legendären bayerischen "Bauerndoktors" Dr. Georg Heim.

In Reichs- und Landtag

Politisch war er beim Zentrum aktiv. Auch wenn er in Pasing bei München wohnhaft war, so erleichterte wohl seine oberfränkische Herkunft die politische Karriere in Oberfranken. Von 1903 bis 1907 war er Mitglied des Reichstags (Wahlkreis Kronach-Lichtenfels), von 1905 bis 1918 Mitglied der Kammer der Abgeordneten, der zweiten Kammer des Bayerischen Landtages, für den oberfränkischen Wahlkreis Kronach.

Ein nur oberflächlicher Blick in die Kronacher Presseberichte von 1905 bis 1919 zeigt, wie aktiv Osel politisch gewirkt haben muss und wie sehr er sich für seinen Wahlkreis eingesetzt hat. Darüber hinaus widmete er sich intensiv überregionalen Themen auf agrar- und wirtschaftspolitischem Feld. Sein Einsatz für eine moderne Energieversorgung, insbesondere für die Nutzung der Wasserkraft in Bayern, ist schon fast legendär. Als Mitbegründer des Walchenseekraftwerkes sind seine Verdienste in der bayerischen Wirtschaftsgeschichte unbestritten.

Auch literarisch betätigte sich Osel und nahm zu Fragen von Handel und Industrie, der Errichtung von Landwirtschaftskammern und zu Zollfragen Stellung.

Kurz vor seiner Ermordung legte er in einem längeren Zeitungsartikel in der Fränkischen Presse (Kronach) vom 8. Februar 1919 seine Überlegungen zum künftigen Verhältnis Bayerns zum Reich dar. Nach dem Sturz der Monarchie gehörte Heinrich Osel im Jahre 1918 zu den Mitbegründern der Bayerischen Volkspartei (BVP); er sollte Fraktionsvorsitzender in dem im Januar 1919 neu gewählten Landtag werden.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde Heinrich Osel auf dem Friedhof in Pasing beerdigt; in Pasing trägt eine Straße seinen Namen. Durch den Tod von Heinrich Osel geriet seine Familie in große wirtschaftliche Schwierigkeiten, da die Pension der Ehefrau wegen seiner frühen Ruhestandsversetzung nur sehr gering ausfiel.

Nur wegen Totschlags verurteilt

In dem späteren Prozess vor dem Volksgericht München gegen den Attentäter Alois Lindner wurde dieser nur wegen eines Verbrechens des versuchten und erschwerten Totschlags zu einer 14-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt; gezielte tödliche Schüsse auf Osel konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Der Vorsitzende des Volksgerichts war übrigens Landgerichtsrat Georg Neidhardt, der in Kronach am Amtsgericht gewirkt hatte und im Jahre 1924 den Vorsitz im Hitler-Prozess führte.

Die Ereignisse des 21. Februar 1919 markierten das beginnende Chaos mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen und vermutlich mehr als 1000 Toten in

München, den Beginn einer "Zweiten Revolution" in Bayern ("Baierische Räterepublik"), der noch eine dritte und vierte folgen sollte.

In einem Beitrag des Verfassers in der Zeitschrift "1000 Jahre Kronach", Nr. 35/2004, S. 12 ff, finden sich weitere Einzelheiten und Literaturhinweise. Seinen damals gemachten Vorschlag wiederholt der Autor hiermit, nämlich in Kronach eine Straße nach Kronachs berühmtem Abgeordneten zu benennen.