Das Schreiben war für Siegrid U. ein Schock. Der ambulante Pflegedienst des Arbeiter-Samariterbundes (ASB) teilte ihr am 21. November mit, dass die Verträge zur Pflege ihres Mannes und ihrer Mutter zum Ende des Monats gekündigt werden.

"Wenn man wenigstens früher auf den Engpass aufmerksam gemacht worden wäre", sagt Siegrid U.. So ließ sie der Druck, rasch Ersatz zu finden, nicht mehr schlafen. Ihr Mann leidet an Demenz und ist in Pflegestufe 4. Ihre Mutter ist 98 Jahre alt und Pflegestufe 3. Ohne Hilfe kann Siegrid U. die Pflege nicht stemmen. Was sie ärgert: Das Schreiben mit der Kündigung erreichte sie am 21. Es war aber am 14. November bereits abgefasst worden.

Dass der Druck auch bei den Pflegekräften immer größer wurde, hatte sie schon vor Monaten wahrgenommen. "Die kamen immer später und hatten immer weniger Zeit, die waren nur noch wie auf der Flucht", schildert Siegrid U. ihren Eindruck. "Trotzdem waren sie immer sehr nett, man hat aber gemerkt, dass sie unheimlich gestresst sind", zeigt sie Verständnis für die eingesetzten Kräfte.

Der Endpunkt war dann die kurzfristige Kündigung. Dabei hatte sie doch vier Wochen Kündigungsfrist! Beim genauen Blick auf den Pflegevertrag zeigt sich aber der Passus, dass aus "wichtigen Gründen" die Kündigung ohne Einhaltung dieser Frist und sogar fristlos erfolgen kann. Auf diese "wichtigen Gründe", nimmt dann das Schreiben auch Bezug. Und es sei ihr auch zu verstehen gegeben worden, dass sie daher eben froh sein könne, dass ihr wenigstens die wenigen Tage Zeit bleiben, sich neu zu orientieren.

Unzählige Telefonate mit allen in der ambulanten Pflege tätigen Einrichtungen folgten. "Egal, wo ich angerufen habe, alle waren immer sehr freundlich und bemüht, mir zu helfen", sagt Siegrid U.. Schließlich die Erleichterung: Sie fand einen neuen Dienst, der vom 2. Dezember an die Pflege ihrer Angehörigen übernimmt.

Zwei Touren gestrichen

Die Nachfrage beim ASB zeigt das ganze Ausmaß des Problems. Siegrid U. ist bei weitem nicht die einzige Betroffene. "Wir mussten zwei Touren einstellen, weil das Personal fehlt", bestätigt ASB-Geschäftsführer Thomas Schwesinger. Kündigungen hatten die Lage zugespitzt. Dazu kamen Mitarbeiterinnen, die schwanger wurden, und daher von einem Tag zum nächsten nicht mehr arbeiten dürfen. So stand für insgesamt 20 Pflegebedürftige in Rödental und Ahorn plötzlich kein Personal mehr zur Verfügung. Die Lücke habe auch nicht mehr durch andere Kräfte geschlossen werden können. "Teilweise werden schon Doppelschichten gefahren, das geht aber nicht auf Dauer", erklärt Thomas Schwesinger. Wochenlang habe der Pflegedienst um Lösungen gerungen. "Wir wissen ja, dass hinter jedem Vertrag, der gekündigt wird, ein menschliches Schicksal steht", sagt er.

Das Ziel ist, alle Stellen wieder zu besetzen. Doch Thomas Schwesinger weiß: "Der Markt an Pflegekräften in der Region ist leer." Wer nicht da ist, könne auch nicht eingestellt werden. Da helfen auch Zusagen aus der Politik nicht, es könnten Tausende neuer Stellen geschaffen werden. Stellen, das gilt nicht nur für den ASB, sind flächendeckend unbesetzt. Es fehlt schon das Personal, die Lücken zu schließen. An Aufstocken wagt da noch gar niemand zu denken.

Siegrid U. ist erst einmal froh, dass sie wieder jemanden gefunden hat, der sich um ihren Mann und ihre Mutter kümmert. Auch wenn es eine Umstellung bedeutet, dass der neue Dienst nicht so früh am Tag Kapazitäten frei hatte, wie sie es gern gehabt hätte. Und auch, wenn es bedeutet, dass vor allem ihr Mann erst wieder ein Vertrauensverhältnis zu den neuen Menschen aufbauen muss, die sich um ihn kümmern. Was hätte sie schließlich tun können, wenn es nicht geklappt hätte? "Dann hätte ich mich nur um eine Einweisung in eine Klinik bemühen können", sagt sie. Und das wäre nur eine Überbrückung gewesen.