Marion Krüger-Hundrup Ein typischer Fall: Ein augenscheinlich gesundes Baby wird schlafen gelegt. Vielleicht hat es einen leichten Schnupfen oder andere minimale Krankheitssymptome, die bei Kindern dieses Alters nichts Ungewöhnliches sind. Die Mutter sieht wieder nach dem Baby, manchmal Minuten, manchmal Stunden später - und findet es tot auf. Oft liegt es in Bauchlage unter der Bettdecke oder mit dem Gesicht flach auf der Unterlage. Häufig ist es nassgeschwitzt. Gelegentlich findet man Erbrochenes auf dem Bettzeug.

Für den plötzlichen und unerwarteten Tod eines Kindes im ersten Lebensjahr gibt es kaum eine Erklärung. Er ist die häufigste Todesursache in der gesamten Kindheit. Eines von 2000 Neugeborenen stirbt, in Deutschland jährlich etwa 700. Bei 86 Prozent ist keine eindeutige Todesursache erkennbar, aber Narben im Bereich des Hirnstammes als Folge einer Minderdurchblutung sind ersichtlich. Der Hirnstamm ist der Teil des Gehirns, der für die Atmung und Kreislaufregulation lebensnotwendig ist.

Neue Methode entwickelt

Professor Karl-Heinz Deeg, langjähriger Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Bamberg und zuletzt Leiter der Kinderkardiologie, wollte und will sich nicht mit diesen Extremen abfinden. Er entwickelte eine Untersuchungsmethode, die er seit dem Jahr 1998 bis heute an fast 35 000 Säuglingen anwandte: Dopplersonografisches Screening der Blutströmung in der Arteria basilaris während Kopfrotation.

"Wir haben damit die Häufigkeit des plötzlichen Kindstods dramatisch reduziert", erklärt Deeg. "Wir haben nur ein Kind verloren, das eine normale Hirnströmung hatte."

Es ist ein Donnerstagmorgen in der Kinderklinik, das Screeningprogramm läuft. Gerade ist die drei Wochen junge Clara mit ihren Eltern aus Kronach eingetroffen: "Meine Hebamme hat mir diese Untersuchung empfohlen", sagt Claras Mutter. Auch ihre erste Tochter, die jetzt vier Jahre alt ist, sei von Deeg untersucht worden: "Wir sind von dieser Methode überzeugt und haben auch viel darüber gelesen", ergänzt der Vater.

Clara schläft friedlich auf der Liege im abgedunkelten Klinikraum. "Das Kind muss schlafen", betont Deeg. Behutsam fährt der Kinderarzt mit dem Schallkopf des Dopplers über Claras Köpfchen, dreht es in fünf verschiedene Positionen: in Rückenlage, nach rechts und links, auch in Bauchlage.

"Ich brauche die offene Fontanelle", erklärt Deeg und schaut aufmerksam auf den Monitor. Die Arterien, die den Hirnstamm versorgen, sind deutlich sichtbar. "Bei Erwachsenen kann man diese Qualität nur in der Kernspintomographie erreichen", so Deeg zufrieden über sein entwickeltes Ultraschallverfahren.

Für jeden verfügbar

"Alles normal bei Clara!", verkündet er, eine Minderdurchblutung des Hirnstamms sei nicht erkennbar. Diese ist bei etwa einem Prozent aller untersuchten Babys festgestellt worden: "Bei diesen Kindern fiel die

Blutströmung bei Drehung des Kopfes vor allem in Bauchlage stark ab", erläutert Deeg. Das freiwillige Screeningprogramm steht allen in Bamberg geborenen Kindern offen, wenn die Eltern zustimmen. Rund 5000 Elternpaare haben nicht mitmachen wollen: "Fünf ihrer Kinder sind plötzlich verstorben", beklagt Deeg.

Für die Bamberger Familien ist das Screening kostenlos, Auswärtige zahlen dafür 100 Euro, da es keine Leistung der Krankenkassen ist.

Nicht sicher, ob weiterhin möglich

Deeg hat mit seinem Screeningprogramm, an dem auch Assistenzärzte mitwirken, in der bundesweiten Ärzteschaft Aufmerksamkeit geweckt. Dennoch ist er sich nicht ganz sicher, auf welcher Basis diese spezielle Untersuchung von Säuglingen in der Bamberger Kinderklinik fortgeführt wird - oder ob überhaupt.

Der 66-Jährige wird heute offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Für Xaver Frauenknecht, Vorstandsvorsitzender der Sozialstiftung Bamberg, ist das Anlass für würdigende Worte: "Professor Karl-Heinz Deeg gilt als hoch kompetenter, versierter und erfahrener Kinderarzt und Kinderkardiologe." Er habe sich stets die Tugenden Menschlichkeit und Bescheidenheit bewahrt und den Eltern vermittelt, dass er ihre Sorgen und Nöte versteht: "Dr. Deeg hat ihnen das Gefühl gegeben, gut aufgehoben zu sein", sagt Xaver Frauenknecht. So danke er Deeg für die geleistete Arbeit zum Wohle zahlloser kranker Kinder.

Weiter "Babys beschallen"

Der scheidende Kinderarzt rechnet aus, dass allein 3000 Kinder zwischen null und 18 Jahren pro Jahr stationär versorgt werden, dazu kommen 300 Frühgeborene. "Kinderarzt ist der schönste Beruf!", strahlt Deeg, der seit 1990 in der Kinderklinik wirkt.

Und weil ihn sein Beruf so erfüllt und er völlig fit ist, setzt sich der Mediziner auch nicht gänzlich zur Ruhe. Er wird im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Haßberge in Haßfurt im Rahmen einer Viertelarztstelle kinderkardiologische Patienten betreuen und auch weiter "Babys beschallen".