Für zwei Jahre und drei Monate muss ein 37-jähriger Syrer aus der Asylbewerberunterkunft in Scheßlitz ins Gefängnis, weil er seine Ehefrau dort zuerst mit den Fäusten, später mit einer Schublade und zuletzt gar mit einem Nachtkästchen "verdroschen" hatte. Einen zur Hilfe eilenden irakischen Nachbarn hatte er gewaltsam in die Flucht geschlagen und sogar noch zur Schere gegriffen, um auf seine bessere Hälfte einzustechen, freilich ohne richtig zu treffen.


Anfall von Raserei

Von einer "Orgie der Gewalt" hatte der Vorsitzende Richter Markus Reznik in seiner Urteilsbegründung am Landgericht Bamberg gesprochen. Und tatsächlich hatte Tufan L. (Name geändert) an einem Sonntagmorgen Ende Januar in einem Anfall von Raserei zu allem gegriffen, was in diesem Moment zur Hand war. Zuerst schlug der gelernte Schmied mit der flachen Hand und riss sie an den Haaren. Dann packte er eine Holzschublade, und als diese auf dem Körper seines Opfers zu Bruch gegangen war, gleich das ganze Möbelstück, um es auf der wehrlos am Boden kauernden Frau in sämtliche Einzelteile zu zerschlagen.
Weil es sich dabei um ein gefährliches Werkzeug handelte, wurde daraus der Anklagepunkt der gefährlichen Körperverletzung. Als ein Nachbar zur Hilfe eilte, griff Tufan L. auch diesen an und schlug ihm mit der Faust, aber ohne weiteres Hilfsmittel, gegen das Kinn (vorsätzliche Körperverletzung). Erst das Eintreffen der Polizei beendete das Ehedrama. Nach dem Ausraster sah es aus "wie auf einem Schlachtfeld". Zwischen den Blutlachen türmten sich Reste des bis zur Unkenntlichkeit zertrümmerten Mobiliars. Dass es nicht schlimmer gekommen ist, lag daran, dass die Ehefrau die Stiche hatte abwehren können.
Auch wenn Rechtsanwalt Christian Barthelmes (Bamberg) mit seinem Antrag, es bei einer Bewährungsstrafe von unter zwei Jahren zu belassen, nicht zu den beiden hauptamtlichen Richtern und ihren zwei ehrenamtlichen Schöffen durchdrang, so gelang es ihm doch, die psychische Ausnahmesituation zu schildern, in der sich Tufan L. befunden hatte. Mit leeren Händen war er von der aussichtsreichen Jobsuche in Bremerhaven zurückgekehrt, völlig übernächtigt und frustriert. Zu Hause hatte sich seine Ehefrau eingeschlossen und ihm ohne jedes Vorzeichen eröffnet, dass sie sich nach einem Jahrzehnt von ihm trennen wolle. Es seien "unverschämte Widerworte" gewesen, so Tufan L.
Zudem stand der Verdacht im Raum, sie hätte ein Verhältnis mit einem Anderen. Zugunsten Tufan L.s wurden von der 3. Strafkammer sein umfassendes Geständnis und die glücklicherweise nicht dauerhaften Schäden gewertet. Auch kam die Tatsache dazu, dass die Ehefrau derweil die kurz vor der Tat eingereichte Scheidung wieder rückgängig gemacht hatte und ihn "schnellstmöglich wieder zu Hause" haben wolle. Sie hatte im Prozess die Aussage verweigert.


91 festgestellte Verletzungen

Richter Reznik stellte aber klar, dass die Justiz sich nicht dem Wunsch der Ehefrau beugen und Tufan L. mit einer Bewährungsstrafe heimschicken könne. Zu seinen Lasten wertete Richter Reznik eine im wörtlichen Sinne einschlägige Vorstrafe. Denn nur fünf Monate vor dem Gewaltausbruch in Scheßlitz hatte Tufan L. schon einmal auf seine Ehefrau eingeprügelt. Damals zuerst mit den Fäusten, später mit dem Schlauch einer Shisha-Pfeife. Die durch einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Bamberg ausgesprochene Geldstrafe von 90 Tagessätzen hatte ihn offenbar wenig beeindruckt. Auch die Vielzahl der 91 vom Rechtsmediziner Dr. Tobias Marx (Universität Erlangen) festgestellten Verletzungen, darunter 16, die auf Schläge mit einem stumpfen Gegenstand zurückzuführen waren, sorgten dafür, dass Tufan L. nun erst einmal weiterhin in der JVA Bamberg bleiben muss.
Von der "Nähe zu einem versuchten Tötungsdelikt" sprach Staatsanwältin Katja Erlwein. "Er hat keine Ambitionen, sich an das deutsche Rechtssystem zu halten." Was Richter Reznik zu einem deutlichen Schlusswort ermunterte: "Mit seiner Ehefrau wollte er hier so umgehen, wie er das in seinem Heimatland gewohnt war. Das kann die deutsche Justiz nicht hinnehmen."