Rambo, die Blues Brothers, Highlander, Die Ritter der Kokosnuss und die Glücksritter - der Videoabend ist gesichert. Es sind die 80er Jahre. Die DDR ist noch DDR, irgendwo wird immer gegen Atomenergie, eine Startbahn oder den Nato-Doppelbeschluss demonstriert - und den meisten ist das ziemlich egal. Nicht egal ist das Wochenende. Das bringt jungen Leuten in diesem Jahrzehnt ungeahnte Möglichkeiten. Es ist Normalität geworden, dass 18-Jährige ein Auto haben. Mobilität ist Freiheit, und Freiheit ist Spaß. Mobilität ermöglicht es, den Videoabend beim Kumpel in Neustadt steigen zu lassen.

Ein spezieller Fall

Warum dort? Ums Eck gibt es eine gute Pizzeria. Die gäbe es anderswo vielleicht auch. Doch in Neustadt gibt es den Laden von Golandsky, und der hat irgendwie eine Ausnahmegenehmigung oder so. Jedenfalls bekommt die Video-Clique bei ihm auch nach 22 Uhr noch einen Kasten Bier, ein paar Tüten Chips und Zigaretten. Das ist damals keine Selbstverständlichkeit. Das Ladenschlussgesetz sorgt nämlich ab 18 Uhr für Versorgungsnotstand. Selbst der LaDo, der Lange Donnerstag mit Öffnung bis 20 Uhr, wird erst im Oktober '89 eingeführt. Aber in Neustadt... Rambo, Pizza, die Blues Brothers, Highlander - "oh Gott, das Bier ist alle", Golle für Nachschub, Die Ritter der Kokosnuss "hä, das Bier ist schon wieder alle?" Und wieder der Video-Standort Neustadt: Ein paar Häuser weiter steht doch ernsthaft ein Bierautomat. So, jetzt noch die Glücksritter. Am Ende des Abends, der zur Videonacht wurde, liegen überall verteilt ein paar Typen, die sich an keinen der Filme mehr richtig erinnern können, aber der Meinung sind, einen super Abend verbracht zu haben und beim Kumpel pennen, weil keiner mehr fahren darf.

Geschäftsidee eines Jahrzehnts

Video war DAS Geschäft der 80er. Überall schossen Videotheken aus dem Boden. Elektronikläden boten VHS-Filme an, Tankstellen sprangen auf den Zug auf. Mit DVD und später Blu Ray wurde versucht, anzuknüpfen, doch die Nachfrage nach Leihfilmen ging stetig weiter zurück. Immer mehr Programme im Fernsehen und später Streaming machten den Gang zur Videothek überflüssig. Heute sind die Läden selten geworden. Dabei finden sich Perlen der 80er wie Müllers Büro oder Drei gegen Drei mit den Musikern der NDW-Band Trio in Doppelrollen bei Netflix oder Amazon gar nicht im Sortiment.

Die 80er brachten die Generation Golf - auch wenn viele einen alten Käfer, eine Ente oder einen Opel Kadett und eben keinen Golf hatten. Es war die Generation, na, sagen wir "Generation junges Fahren". Für uns Landeier öffnete sich die Welt. Wer zum Bund musste, konnte am Wochenende mit der eigenen Karre nach Hause. Dafür gab es den Begriff "Nato-Rallye" und an den Kasernentoren standen zur Warnung vor den Gefahren der Rallye Schilder, die anzeigten, wie viele Soldaten dieser Kaserne in diesem Jahr bereits auf der Straße verletzt oder getötet wurden.

In den 80ern wurden Arbeitnehmerrechte erstritten, die erst in den 2000ern wieder ausgehebelt wurden. Die Verkehrsinfrastruktur wurde ausgebaut, was die Wirtschaft freute. Gleichzeitig gewann der Umweltschutz stark an Bedeutung, was die Wirtschaft wieder weniger freute, weil gesetzliche Auflagen immer strenger wurden. Dafür wurde der saure Regen weniger, das Waldsterben konnte ausgebremst werden, Flüsse und Luft wurden wieder sauber. Die Wirtschaft hat es überlebt.

Ende der 80er. Also, ganz am Ende der 80er, fiel dann der Startschuss für das Rennen der Wirtschaft um den Markt der neuen Bundesländer. So mancher entdeckte die Geschäftsidee Video damals für sich. Kaum war die Grenze gefallen, rollten Kofferraumladungen an Video-Kassetten Richtung Osten. Und: "Was, ihr habt gar keinen Recorder? Na, da hab ich doch gleich was für euch mitgebracht!" Natürlich boomten auch andere Geschäfte. Manche erwiesen sich als Luftnummer und floppten.

Trotzdem ist Video auf VHS so 80er wie kaum etwas anderes. Und ein Streaming-Abend wäre heute auch nicht was ein Video-Abend in den 80ern gewesen ist. Da muss ja nicht einmal die Kassette nach dem Anschauen zurückgespult werden, damit alle Zeit haben, mal aufs Klo zu gehen.