Es ist fast fertig, Linde Unreins Bilderreigen im Münnerstädter Bahnhof, der in den vergangenen zwei Wochen als work in progress entstand. Unrein, in Schweinfurt lebende freischaffende Künstlerin und anerkannte Psychiaterin und Psychotherapeutin, spricht selbst von einem Tafelbild, das sie da erschaffen hat. In etwa so ist es auch, das Werk, das auf den Wänden in einem der Zimmer im zweiten Stock des Bahnhofs entstand.
Unrein ist eine renommierte, abstrakte Malerin, beschäftigt sich seit Jahren mit den existenziellen Fragen des Menschen und auch ihres eigenen Tuns. Meist aber auf Leinwand oder Papier, in einem vorgegebenen Rahmen, "auf dem ich trotzdem ein ganzes Universum aufbringen kann", wie sie schmunzelnd sagt. Doch das Projekt Else 2, das ihr ihre Künstlerfreundin Mia Hochrein, die künstlerische Leiterin von Else 2, vorstellte, eröffnete ganz neue Möglichkeiten. "Diese Idee, großflächig direkt auf die Wand zu malen, hat mich gejuckt", so Unrein. Als sie dann den Raum sah, in dem das möglich war, sagte sie sofort zu.
Die Wirkung ihres Figurenreigens aus Frauen, Männern und einem Baby in verschiedenen Posen und ständiger Bewegung und Fluss ist beeindruckend. Unrein malte mit Acrylfarbe, meist in rosafarbenen Pastelltöne für die Flächen und die Konturen in schwarzen Pinselstrichen.
Den Mut gefasst zu haben, sich der Herausforderung zu stellen, freut sie sichtlich, auch wenn es ein anstrengendes und zeitraubendes Unterfangen war, dem Titel der Ausstellung gemäß an die Wand und durch die Wand zu kommen. Zehn Tage wird sie am Sonntag gebraucht haben, bis alles fertig ist.
Ein besonderes Schmankerl hat sich kurzfristig ergeben: Bei der Finissage wird der Schweinfurter Schriftsteller Günther Hein einen Text lesen mit dem Titel "Gedehnte Zeit". Hein, einst für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert und 2016 mit dem Marburger Kurzdramapreis ausgezeichnet, wuchs im Münnerstädter Bahnhof auf. Seine Lesung macht er in seinem Kinderzimmer, umrahmt von Unreins Figuren. O. Schikora