Jetzt schwärmen sie wieder aus auf diversen Mittelaltermärkten und -festivals, die Burgfräulein und edlen Ritter und wilden Musikanten und Landsknechte mit ihren Hellebarden und Musketen. Nur - Landsknechte sind ein Phänomen der frühen Neuzeit, und Feuerwaffen gab es erst im Herbst des Mittelalters. Dafür blühte um das Jahr 1200 eine höfische Kultur mit ersten Höhepunkten deutscher Literatur, die auf einschlägigen Märkten eher marginal vertreten sein dürfte.

Stattdessen versuchen Fachleute, den Minnesang, eigentlich ein Oberbegriff für mittelhochdeutsche Lyrik etwa von 1150 bis 1450, jenseits von damit malträtierten Schülern und Studenten wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu heben. Nein, Minnesang ist nicht tot, er riecht nur ein bisschen komisch, um Frank Zappa leicht abgewandelt zu zitieren, erschien doch vor zwei Jahren unter dem Titel "Unmögliche Liebe" eine Anthologie junger (Nach-)Dichter.

Kommen und gehen

Für eine zeitgemäße Präsentation sorgt Detlef Goller, Akademischer Oberrat am Lehrstuhl für deutsche Philologie des Mittelalters der Bamberger Universität. Er ist Initiator des Projekts "Mittelalter macht Schule" und hat bereits zum Nibelungenlied und zum "Parzival" des Wolfram von Eschenbach lange Nächte veranstaltet. Am Freitag, 10. Mai, wird in der Treffbar des E.T.A.-Hoffmann-Theaters eine "Lange Nacht der Liebe" zu erleben sein. Und die ist wirklich lang: Beginn um 18 Uhr, Ende gegen 7.30 Uhr am Samstagmorgen. Eingeladen sind alle, jeder kann kommen und gehen, wie er will. Eintritt frei!

Minne also, neuhochdeutsch - vage - zu übersetzen mit "Liebe". Denn der höfische Verhaltenskodex für Adlige im Mittelalter, die ritualisierten literarischen Formen muten uns Heutige doch reichlich fremd an. Da ist die "hohe Minne": Ein lyrisches Ich dichtet eine adlige Dame an; die Liebe muss unerfüllt bleiben. Die "niedere Minne" lässt immerhin Liebe über Standesgrenzen zu.

Doch gemach: Goller kennt neuere Forschungsansätze sehr gut und relativiert alte germanistische Gewissheiten. Körperliche Erfüllung etwa sei nicht ausgeschlossen, wie als ehernes Axiom immer gelehrt. Gender-Ansätze beleuchten Geschlechterrollen - kann das bisher wie selbstverständlich als Mann interpretierte "Ich" nicht auch eine Frau sein? Welche Rolle spielt Gewalt?

Dies alles werden etwa 25 Vortragende, Lehrende und Studenten der Bamberger und Hallenser Unis, in der langen Nacht zu thematisieren suchen. Doch keine Angst: Es soll keine Germanisten-Tagung werden. Ergänzt werden die Rezitationen durch - allgemeinverständliche - Erläuterungen und Kommentare sowie durch eine Visualisierung der Texte auf einer Leinwand. Wobei Walthers "Wer gap dir, Minne, den gewalt, / daz dû doch sô gewaltic bist? / Dû twingest beide junc und alt: / dâ für kann nieman keinen list" auch ohne Über-Text verständlich ist. Es wird auch gesungen, denn es heißt nicht zufällig Minnesang.

Zeitgenössische Barden werden erwähnt wie John Denver oder Ed Sheeran im Kontrast zu Dichtern wie dem Kürenberger, Reinmar dem Alten, Neidhart (nicht mehr von Reuental, wie Ältere noch lernten), Walther von der Vogelweide selbstverständlich, dem großen "Star" der Zeit auch in einer gespielten Szene aus seiner Fehde mit Reinmar, dem Raufbold Oswald von Wolkenstein zum Schluss. Wer bis zum Schluss durchhält, erhält Preise wie Theaterkarten oder T-Shirts.

So gegen vier, fünf Uhr früh kommt das Genre des "Tagelieds" zu seinem Recht. Darin müssen zwei Liebende im Morgengrauen voneinander Abschied nehmen, wie in Shakespeares "Romeo und Julia". Man darf gespannt sein, wie viel Zuhörer den Tageliedern lauschen werden.