Ein Jahr nach der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zieht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für den Landkreis Forchheim eine positive Bilanz. "Zum ersten Mal haben alle Beschäftigten einen festen Lohnsockel unter den Füßen - von der Küchenhilfe bis zur Verkäuferin im Backshop: Wer arbeitet, muss dafür mindestens 8,50 Euro pro Stunde bekommen", sagt Michael Grundl. Für den Geschäftsführer der NGG Oberfranken ist der gesetzliche Mindestlohn der "Einstieg in den Lohn-Aufstieg für Menschen, die zuvor mit Niedrigstlöhnen abgespeist wurden".
Vom "Schreckgespenst Mindestlohn", vor dem die Arbeitgeber auch im Landkreis Forchheim noch vor einem Jahr gewarnt hätten, sei nichts übrig geblieben, so Grundl: Der Mindestlohn sei weder "Konjunktur-Bremser" noch "gefährlicher Job-Killer". Die NGG legte dazu jetzt eine aktuelle "Mindestlohn-Analyse" vor, die das renommierte Pestel-Institut (Hannover) im Auftrag der Gewerkschaft gemacht hat.


Gastronomie hat eingestellt

Die Wissenschaftler werteten dabei auch die Beschäftigungssituation im Landkreis aus: "Anstatt Servicekräfte oder Küchenpersonal zu entlassen, haben nach Mitteilung der NGG Hotels, Pensionen, Restaurants und Gaststätten neue Kräfte eingestellt. Insgesamt arbeiteten dort im Juni vergangenen Jahres immerhin fast 900 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte - und damit 4,6 Prozent mehr als noch im Vergleichsmonat des Vorjahres.
Nach Angaben der NGG Oberfranken hat der Mindestlohn zudem dazu geführt, dass etliche Arbeitgeber aus Mini-Jobs reguläre Stellen gemacht haben. Das gelte nicht nur für die Gastro-Branche. "Viele Mini-Jobs waren besonders schlecht bezahlt. Durch den Mindestlohn sind die Mini-Jobber dann über die 450-Euro-Grenze gerutscht. Und das sind jetzt sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Diese Menschen haben damit etwas Besseres als den Mini-Job. Das ist ein Riesenerfolg", sagt Grundl.
Auch die Beschäftigtenzahl insgesamt habe sich mit dem gesetzlichen Mindestlohn positiv entwickelt: Im Sommer des vergangenen Jahres gab es im Landkreis Forchheim knapp 600 Menschen mehr, die einen Job hatten, als noch im Sommer des Vorjahres.
Dabei habe auch der Staat vom Mindestlohn profitiert, so Grundl weiter. Er musste weniger Menschen unterstützen und sparte bei den Hartz-IV-Ausgaben. Denn die Zahl der Aufstocker ist zurückgegangen: "Im Juni vergangenen Jahres gab es im Landkreis Forchheim 36 Aufstocker weniger - ein Rückgang um 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Diese Zahlen liefern für den Geschäftsführer der NGG Oberfranken eine "klare Botschaft": "Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde hat den Beschäftigten gut getan. Und er hat der Wirtschaft nicht geschadet." Im Gegenteil: Das Lohn-Plus habe dem Landkreis eine höhere Kaufkraft beschert.
Um diesen Menschen die Chance zu geben, Geld für größere Anschaffungen auf die hohe Kante zu legen, müsse der Mindestlohn allerdings steigen: "Unser Ziel ist es, ihn möglichst rasch in einem ersten Schritt auf 10 Euro pro Stunde anzuheben", so der Gewerkschafter. Um eine Rente von mindestens 769 Euro pro Monat - also gerade einmal die Grundsicherung - zu bekommen, müsse ein Beschäftigter immerhin mindestens 11,50 Euro pro Stunde verdienen. Und das 45 Jahre lang bei einer Vollzeitstelle. red