Einen wahren Marathon leistete der Gemeinderat Reckendorf in seiner jüngsten Sitzung. Wesentlich dazu bei trug die Diskussion über den beantragten Abriss des Hauses Bahnhofstraße 4, Stammhaus der Familie Hellmann, die bereits Ende des 18. Jahrhunderts dort ansässig war. Die Familie war einst die reichste jüdische Familie in Reckendorf, was sie mit diesem Haus darstellte. Aus der Linie stammte Isaias Hellmann, Mitgründer der Wells Fargo Bank.

Wie Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD) eingangs erklärte, gehe es um eine Voranfrage auf Abbruch und Neuerrichtung eines Wohnhauses mit Einzelgarage in der Bahnhofstraße. Er zeigte hierzu ein historisches Foto und erklärte, dass es sich um ein sogenanntes "Judenhaus" handle. "Es ist eines der ältesten Häuser in Reckendorf, steht aber nicht unter Denkmalschutz", stellte Deinlein fest und begann die folgende Diskussion mit der Frage: "Was würde ein Jude heute mit dem Haus machen?"

Falko Badura (SPD) nahm die Tatsache auf, dass es sich bei diesem Gebäude um eines der ältesten im Ort handle und es traurig sei, wenn man es so sieht. "Schade ist es auch", fügte er hinzu, "dass es erst jetzt bekannt wurde, dass es zum Verkauf stand, denn man hätte jemandem die Chance geben müssen, dass er das Haus erhält."

Dagegen erwiderte Hubert Rottmann (WBFW), dass das Haus in keinem guten Zustand sei und der geplante Neubau eine Aufwertung darstelle. Ludwig Blum (CSU) stimmte dem zu, das Haus müsste kernsaniert werden, da es ziemlich heruntergekommen sei. Allerdings sei er hin- und hergerissen: "Ja, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust."

Hartwig Pieler monierte, dass die Gestaltungssatzung mehr und mehr vernachlässigt werde, da man bisher schon zahlreiche Ausnahmen befürwortet hatte, und bemerkte: "Dieser Weg ist endlich zu korrigieren." Denn die vorgelegten Neubaupläne sehen ein Krüppelwalmdach vor, das dem historischen nachgeahmt sei. Allerdings wäre die beabsichtigte Breite der Dachgauben nicht mit der für den Ortskern geltenden Gestaltungssatzung vereinbar, eine Ausnahme könne nur für die Balkone auf der Hofseite erteilt werden, da diese von der Straße nicht einsehbar wären.

Als Zwischenergebnis fasste Bürgermeister Deinlein zusammen, dass das historische Gebäude abgerissen werden soll, die Neubaupläne würden sich von dem bisherigen Bestand nicht groß unterscheiden, immerhin werde mit dem Neubau ein Leerstand beseitigt. Ähnlich äußerte sich Jürgen Baum (WBFW), der lobte, dass hier jemand investiert - "Es schaut super aus" - und Axel Cron (SPD) stimmte den Neubauplänen zu, da der Aufwand für eine Renovierung wohl zu groß sei.

Gegen die Stimme von Badura stimmte der Gemeinderat schließlich für den Abriss des Hauses. Gegen die Größe der geplanten Gauben und die geplante Loggia bestehen jedoch laut Beschluss "Bedenken".