Marion Krüger-Hundrup Beide Männer haben die Geschichte maßgeblich beeinflusst: Karl Marx (1818-1883) als Held der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und Vordenker des Kommunismus, Jesus als Gottessohn und Erlöser der Menschheit. Zwei Protagonisten, ja Revolutionäre einer Weltveränderung, wie sie nicht unterschiedlicher sein können.

Und nun geht Martin Neubauer das Wagnis ein, Marx und Jesus gemeinsam auf die Bühne seines Brentano-Theaters zu bringen: "Ich will dabei nicht zusammenzwingen, was nicht zusammengehört", sagt Neubauer. Denn gerade in der Gottesfrage würden Marx und Jesus "heftig streiten, kommen auch zu keiner Versöhnung". Für Christen sei der Kommunismus jahrzehntelang das Feindbild schlechthin gewesen: "Bezüglich des radikalen Atheismus bei Marx ist das folgerichtig", meint der Theater-Prinzipal. Dennoch erkennt er eine Gemeinsamkeit: "Ihre Kritik am egoistischen Häufen von Gütern eint sie."

"Szenische Lesung" nennt nun Martin Neubauer sein Programm. Darin rezitiert er aus den Marx-Werken "Das kommunistische Manifest" und "Das Kapital" sowie aus der Bibel, aus den neutestamentlichen Evangelien. Eine satirische Rahmenhandlung voll aktueller Tagesbezüge und Seitenhiebe sorgt dafür, dass der Rezitationsabend nicht zu schwer, kopflastig, ideologisch und "vielleicht ein wenig größenwahnsinnig daherkommt", betont Neubauer. Auf jeden Fall solle der "anmaßende Anspruch relativiert werden, ich hätte die letzte Antwort auf so große Fragen".

Aktueller denn je

Doch diesen wolle er sich stellen, gerade im zu Ende gehenden "Karl-Marx-Jahr" (200. Geburtstag). Zumal Marx nicht dadurch erledigt sei, dass DDR und Sowjetkommunismus seine Ideen ins Totalitäre verzerrt und missbraucht hätten: "Sonst dürfen wir nach Inquisition und Hexenprozessen auch nicht mehr im Namen Jesu reden", erklärt Neubauer. Marx‘ Kritik am Kapitalismus sei schließlich nicht überholt und heute aktueller denn je: "Manches erscheint geradezu prophetisch, seine Diagnose ist unübertroffen." Allerdings stehe die "Behandlungsmethode freilich zur kritischen Diskussion". Dennoch lohne es sich in Zeiten "unserer Konzernokratie", in denen der Kommunismus als Irrweg abgehakt werde und der ungebrochene Fortschrittsglaube die Erde an den Rand der Unbewohnbarkeit führe, "wieder einmal bei Karl Marx nachzuschlagen und unvoreingenommen über seine scharfsinnigen Analysen zu staunen". Und sich im Gegenzug der radikalen Kritik Jesu am Reichtum, am Mammonsdienst, zu stellen, die weiter gehe als die schärfsten Sätze von Marx. "Es bedarf eines starken Glaubens, um sich Jesu Forderungen zu öffnen, doch der Glaube kann die innere Kraft zur Verwirklichung im eigenen Leben geben - wenigstens in Ansätzen", vermutet Neubauer und fragt nachdenklich: "Ob es deshalb mit dem Kommunismus immer wieder schiefging, weil hier ein unglaublich hohes Ethos einem rein materialistischen Menschenbild abgefordert wird?"

Für freundlichere Welt

Martin Neubauer treibt um, wie heutzutage Inkorrektheit, Lügen, Unmenschlichkeit, Abschottung und Zynismus zum Siegerprinzip erklärt werden. Damit könne man etwa amerikanischer Präsident werden und sogar bestehen. In Deutschland habe es eine Partei in den Bundestag geschafft, "deren einziges Programm der Hass ist", so Neubauer. Rücksichts- und Herzlosigkeit würden um sich greifen, der Spruch "Hole für dich raus, was geht" gelte als smart. "Deal vor Menschlichkeit, Raffen vor Helfen, Profit vor Natur" bringt der Theatermann Verhaltensweisen auf den Punkt, unter denen viele Menschen leiden. Diese würden sich eine humanere, freundlichere Welt wünschen und aktiv dafür wirken, weiß Martin Neubauer. Und diesen Menschen sei das Programm "Marx trifft Jesus" als Ermutigung gewidmet.