Brennende Kerzen tauchen das abgedunkelte Gotteshaus in ein zauberhaftes Licht. Die den Hochaltar links und rechts flankierenden Heiligen Johannes der Täufer und Laurentius sowie oben die Reliefgruppe der Trinität mit Engelsputten werfen Schatten an die Wände ... Die historische Schlosskirche in Steinberg bildete am Freitagabend eine geheimnisvolle, fast schon mystische Kulisse für die poetischen Vorträge von Ingo Cesaro und das inspirierte virtuose Gitarrenspiel von Chris Karrer.

Die beiden Künstler folgten einer Einladung des Heimat- und Kulturvereins (HKV) Steinberg, der heuer mit vielen Veranstaltungen sein 25-jähriges Bestehen feiert. Erster Vorsitzender Wolfgang Förtsch versprach dem Publikum in seiner Begrüßung einen "ganz anderen" Abend mit einem außergewöhnlichen Meditations- und Hörerlebnis - und er sollte recht behalten: Sogleich war das schmucke Kirchlein, dessen Erhalt und Restaurierung einst herausragendes Ziel bei der Vereinsgründung des HKV gewesen war, erfüllt von berührenden Gedichten, vorgetragen von ihrem Verfasser, Ingo Cesaro, selbst, und erfüllt von herrlichen Improvisationen von Chris Karrer, dem Weltmusiker und Pionier der deutschen Rockmusik der 1960er und 70er Jahre.

Experimentell und fesselnd

Zusammen ließen sie eine fast magische Atmosphäre entstehen. Und das, ohne vorher geprobt zu haben: intuitiv, experimentell, spannend!

Die fesselnde Literaturlesung wartete mit einer stimmigen Auswahl der verschiedensten Texte auf, die von politischen über andalusische sowie Liebes-Gedichte bis hin zu Spott- und Sportgedichten reichte. Einen großen Raum nahmen dabei Cesaros ergreifende Engelsgedichte ein, denen der Autor durch seine sensible Vortragsweise nicht nur Ausdruck, sondern sprichwörtliche Flügel verlieh. In dem Sammelband "Aus dem Schatten der Engel" sind 150 gesammelte Engelgedichte abgedruckt, davon 120 mit Übersetzungen in 21 Sprachen. Die ersten schrieb Cesaro nach dem GAU von Tschernobyl.

Zum Schreiben von Engel-Gedichten kam der Schriftsteller insbesondere über die Johannes-Offenbarung. Dort heißt es im siebten Siegel und den ersten sechs Posaunen, Vers 10 und 11: "Es wird ein Stern vom Himmel fallen ... und dieser Stern heißt Wermut, also Wermutstern" - auf Russisch und Ukrainisch "Tschernobyl", obwohl der Ort selbst erst 1196 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Und dies vor über 2000 Jahren. Mit der Metapher Engel gelingt es Cesaro meisterhaft, das "Unaussprechliche" in Worte zu fassen und den Zuhörern gleichzeitig viel Raum für eigene Gedanken und Interpretationen zu lassen.

Ziemlich harter Stoff

Den Zauber Andalusiens, der die Seele Spaniens wie kaum ein zweiter Landesteil verkörpert, vermittelten Cesaros Gedichte aus der Edition "Lorcas Land". Aufwühlend, ausdrucksstark waren auch seine Texte, in denen der politische Autor beispielsweise das Gefangenenlager Guantanamo thematisierte oder die Selbstverbrennung des 19-jährigen tschechoslowakischen Studenten Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings: "Dein Herz verbrannte nicht!" Während seine eindringlichen Gedichte erschütterten und zum Nachdenken anregten, sorgten am Ende des Abends seine meisterhaft pointierten heiter-vergnüglichen Sport- und Spottgedichte für Schmunzeln.

Brillant zu Gehör gebracht wurden die poetischen Vorträge durch Chris Karrer, der mit einfühlsamer Spielweise und beeindruckender differenzierter Intonation die Texte auf seiner Flamenco-Gitarre in Szene setzte. Man hörte zu und lauschte gespannt dem feurig-tänzerischen bis zart-verklärten Spiel des legendären Musikers und Mitbegründers der Rockband "Amon Düül II", mit der er heute noch international unterwegs ist.

Die Hände glitten mit unglaublicher Leichtigkeit von Saite zu Saite. Sanfte Dissonanzen, bittersüßes Glück, ein traurig-glücklicher Rausch: Sein zu Beginn des zweiten Programmteils dargebotener Bolero war Gitarrenkunst in höchster Vollendung: klangschön und zutiefst poetisch. Der langanhaltende Beifall des Publikums zeigte, dass der Abend seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Nach einem langen Tag in der Abenddämmerung in die Stille gehen, an der Schwelle zur Nacht bei sich selbst ankommen - dieses Konzept ging ans Herz!