Anette Schreiber

Nix war's mit dem Schokolademuseum, das mir da Appetit auf den Tausch-Zeitungsort Lippstadt gemacht hatte. Besser wohl für die Figur und mindestens ein Grund mehr, erneut in die Stadt an der Lippe zu fahren. Dafür haben sich die Kollegen vom "Patriot" und die Westfalen, die ich da in den fünf Arbeitstagen getroffen habe, wahrlich von ihrer Schokoladenseite gezeigt.
Das Besondere an dem Vertrauten wiederentdecken, beziehungsweise zu spiegeln, wie Sitten, Gebräuche und Lebensart auf den Nichteinheimischen wirken, das ist ein bisschen der Ansatz der Tauschaktion. Bereits am ersten Tausch-Tag hieß das für mich, hinein ins pralle Leben des Vogelschießens. 100 gilt es in der laufenden Saison rund um Lippstadt redaktionell abzubilden. Vogelschießen bedeutet immer: Ausnahmezustand für den Ort, mit Wimpelschmuck, Festzug, Ehrungen, Musik und natürlich dem Schießen selbst: Ein eigens angefertigter hölzerner Adler hängt in luftiger Höhe in einem Kugelfang und wenn er ganz zerschossen ist, darf sich derjenige Schützenkönig nennen, der dem Vogel den Garaus gemacht hat.
Eine teure Angelegenheit, denn der neue König zahlt im Folgejahr das Fest und muss zwischendurch seinem Hofstaat einiges bieten. Wie es hier üblich ist, gehört viel Gerstensaft in 0,2-Liter-Gläsern dazu. Nach so einem Fest nehmen die Teilnehmer üblicherweise Urlaub.
Den bräuchte der Nicht-Lippstädter - es heißt wirklich Lippstädter -, nachdem er vergebens versucht hat, sich im Parallel- und Einbahnstraßen-System der Planstadt zurechtzufinden. Die Redaktion schickte mich ganz gezielt auf Erkundungstour in den Straßenverkehr. Zum Glück hatte ich Jesus. So heißt ein Gartenfachmarkt in der Nähe des Verlagssitzes, den mir die netten Kollegen vom "Patriot" als Orientierungshilfe zum Bäcker genannt hatten: "Fährst am Boss (ein Möbelmarkt) vorbei, rüber zum Jesus und daneben kriegst was zu essen."
Oder in der Hella-Kantine: Hella ist ein großer Leuchtenhersteller mit der Bedeutung für die Region, die Brose und Bosch zusammen für Bamberg haben. So viel zum Thema Arbeit in der 70 000-Seelen-Stadt. Und danach? Die Redaktion ließ mich Lippstadts Abend erkunden. In der malerischen Altstadt mit kleinen Gässchen, vielen Wasserläufen, hübschen Fachwerkhäusern (deren Balken immer auch noch eigens verziert sind) findet sich eine Vielzahl von Kneipen mit vielsagenden Namen, Einstein etwa oder Joe's Garage. Oder P3. In der Poststraße geht abends ordentlich die Post ab. Aber gesittet.
Gewöhnungsbedürftig ist dagegen die Sache mit dem 30. Geburtstag von noch nicht Verheirateten: Die müssen die Rathaustreppe fegen und andere Aufgaben, die ihnen ihre "Freunde" stellen. Wegzufegen waren im konkreten Fall Tausende von Kronkorken, und das mit einem Besen, dessen Stil aus knickbaren Teilen bestand. Ach ja, das Geburtstagskind steckte dabei im einem aufgeblasenen Anzug (Fatsuit) und schwitzte sich die Seele aus dem Leib. Dass es den Durst mit Schnaps löschen durfte und danach aufs Karussell gesetzt wurde, machte das Ganze nicht besser.


Traditionsbewusst

Trotzdem, die Menschen dort scheinen gesund zu bleiben und alt zu werden. Zum Wochenmarkt rund um Rathaus und Kirche kam eine Vielzahl von Senioren, alteingesessene Kundschaft alteingesessener Marktbeschicker. Was auffiel: Die ausgesprochene Höflichkeit und, dass die Menschen, die ich hier beobachtete oder sprach, sehr offen und freundlich waren und obendrein meist noch einen flotten Spruch auf den Lippen hatten. Menschen, die mit Töpfen, Dosen, Plastikbehältern auf einen Krammarkt ziehen und dort wegen Erbsensuppe Schlange stehen. Weil die Suppe Kult und inzwischen Tradition ist. Der Lippstädter ist halt Traditionalist, wie wohl auch der Titel seiner Tageszeitung offenbart. Den "Patriot" gibt es unter dieser Bezeichnung seit 1848 und wohl genau so lange denkt sich keiner was dabei. Heute outet sich nur der Nicht-Lippstädter als solcher, wenn er hier komisch guckt oder das Gesicht verzieht.
Ein bisschen komisch geguckt habe auch ich, als mir am Imbiss neben Essen bei "Habibi" (auf Arabisch soll das so etwas wie Schätzchen heißen) der Chef seinen Kunden und Freund Jürgen schmackhaft machen wollte. Als tief verwurzelte Fränkin musste ich "Habibi" und seinem Jürgen leider eine Absage erteilen. Vielleicht frage ich bei meinem nächsten Besuch mal nach, ob Jürgen dann unter der Haube ist. Im schönen Lippstadt gilt es freilich noch viel mehr zu entdecken, als das in fünf Arbeitstagen ansatzweise möglich war. Das Schokolademuseum gehört dann für mich dazu.