Die zehnjährige Mia darf am Montag nach der Schule immer zu ihrer Großmutter zum Mittagessen kommen."Du, Oma", sagt sie gleich nach der Begrüßung, "warum krieng eigentlich etz in Bamberg so wenig Maadla bei der Tauf`den Noma Kunigunda?"

"Ja",antwortet die, "vielleicht, wal er nimmä modern is! Mögest du denn so heißn?"""No, des wär doch mol wos Bsonders! Die Lehrerin hat uns nämlich heut a Gschicht vo der Kaiserin Kunigunde vorgelesen! Sie sagt, des nennt mä Legende. Kunigunde und die Wäscherin heißt sie - und die erzähl ich dir jetzt!" "Du kannst sie mir aber auch vorlesen: Ich hab da a Büchla mit Bamberger Sagen und Legenden vom Krischker! "

Also liest die Mia: " Kunigunde, die Gemahlin Kaiser Heinrichs II., war Gebet und frommen Übungen zugetan und stand schon zu Lebzeiten im Rufe einer heiligen Frau. Das ließ den gelben Neid nicht schlafen und Lästerzungen waren beständig bei der Arbeit, den guten Namen der frommen Fürstin zu beflecken. "Heuchelei" sei ihr heiligmäßiges Leben, sagten die Verleumder: Sie stelle sich nur vor der Welt so tugendhaft; im Geheimen sei sie dem Laster ergeben und nehme es gar nicht genau mit der Treue zu ihrem Gemahl.

Solche Lästerungen blieben der Kaiserin nicht verborgen, aber sie ertrug sie nach dem Beispiel Christi mit Ergebung und Geduld und vergalt nie Böses mit Bösem.

"Die Scheinheilige, die Untreue"

Einst wandelte Kunigunde mit einer vertrauten Dienerin am Regnitzufer zu Bamberg, in welcher Stadt sie mit ihrem Gemahl Hof hielt.Sie kam an die Brücke und wollte sie überschreiten. Da sah sie am Rand des Flusses Frauen, die Wäsche und Kleider reinigten.

Sie blieb stehen und schaute den Eifrigen zu. Eine von diesen bemerkte die Kaiserin, zeigte mit der Hand nach ihr und sagte: "Seht, da steht die Scheinheilige, die Ungetreue!" Ob dieser Schmährede schoss der Fürstin jäh das Blut in die Stirn und Wangen und eine tiefe Röte gerechten Zornes flammte über ihr Gesicht. Sie bezwang sich aber und verließ ohne Gegenrede die Brücke.

Als sie auf der Burg angekommen war, befahl sie, in einen Korb drei Krüge Wein und allerlei Backwerk zu packen und einen Diener damit zu den Frauen an der Regnitzbrücke zu schicken. Das sende ihnen die Scheinheilige, die Ungetreue, sollte er sagen.

Der Diener ging an den Fluß, fand die Frauen und richtete seinen Auftrag aus. Die Wäscherinnen schauten zuerst verdutzt drein, griffen aber dann zu und kosteten die kaiserlichen Gaben. Zwei von ihnen fanden das Gebäck lieblich und wohlschmeckend und den Wein köstlich, die Dritte aber, die der frommen Fürstin die Schmährede ins Gesicht geschleudert hatte, spuckte das Backwerk gleich wieder aus: Es war in ihrem Mund zu Stein geworden, sie nahm einen Schluck aus dem Krug: Es war schales Wasser, was sie im Munde hatte.

Die andern tranken aus dem gleichen Krug und tranken herrlichen Wein. Da erschauerten alle ob des Zeugnisses, das der Himmel selbst für die Unschuld der verleumdeten Kaiserin gab. Weit in die Lande drang die Kunde von diesem seltsamen Ereignis und machte alle Lästerzungen verstummen."

Scheußliche Sachen

"Des host fei orch schöö vorgelesn", lobt die Oma ihre Enkelin. "Obä Oma", sagt die,"des gibts fei heut immer nuch!" Und die Mia erzählt von zwei Frauen, die heut' im Stadtbus neben ihr gesessen sind und ganz scheußliche Sachen über ihre Nachbarinnen, aber auch über bekannte Politiker und Kirchenleute gesagt haben. "Und die, die am frechsten war, hat immer däzwischn nei in ihr Laugenbrezen gebissen. Ober die is fei net zu Stein worn!"

"Och ja", seufzt die Großmutter, "so manchs Kunigunden-Wunder könnt mä in Bamberg aa heutzädooch nuch orch gut braung!"