Siegfried Sesselmann

Landauf, landab das gleiche Fiasko. Vereine, die Jahrzehnte blühten, kämpfen um ihre Existenz. Betroffen ist auch der Gesangverein "Liederkranz" Stadtsteinach.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer ersten Blüte des Vereinslebens auf dem Lande. Um 1900 soll es in Stadtsteinach bereits 50 Vereine gegeben haben. Der Vorläufer des Gesangsvereins wurde erstmals 1859 durch Bartholomäus Maurer (1818 bis 1881) gegründet. Der als religiöser Eiferer bekannte obere Knabenlehrer und Chorrektor gab als Zweck der Gründung "die Verdrängung unsittlicher und geschmackloser Volkslieder und die Hebung und Kräftigung des moralischen und religiösen Gefühls, insbesondere die Liebe zu Gott, dem König, dem Vaterland und der Verfassung" an.
Es war beabsichtigt, das kulturelle und religiöse Leben in Stadtsteinach zu bereichern, jedoch gab es zwei Jahre später Auflösungsgerüchte. Allerdings ist für das Jahr 1882 die Neugründung des Vereins Liederkranz genau überliefert.


Gesang und Unterhaltung

Ziele des Vereins waren nun die "Pflege des Gesangs nach allen Seiten und gesellige Unterhaltung". Vorsitzender und Chormeister war 36 Jahre lang der Oberknabenlehrer Johann Hebentanz (1838 bis 1918).
Die Instrumentalmusik war neben dem Gesang die zweite Säule des Vereinslebens. In kurzer Zeit wurde unter Leitung des Türmers Johann Köhlmann ein kleines Orchester zusammengestellt, das vor allem Märsche, Tänze, aber schon 1890 auch ein Opernalbum zu Gehör brachte.
Man entwickelte sich weiter, Fastnachtsscherze und Theateraufführungen bildeten die dritte Säule des blühenden Vereins.
Nach dem Tod des hoch geachteten Chorrektors Johann Hebentanz folgten tüchtige Dirigenten, die Lehrer Melchior Schneider, Ferdinand Minges und Eduard Götz, danach der Postmeister Georg Teicher. Proben fanden bis 1959 im alten Schulhaus an der Staffel statt.
1930 trat mit Johann Hohner erstmals die "Kleine Kapelle Hohner jr." in Erscheinung. Schon im Alter von 16 Jahren trat er 1924 dem Chor bei und schaffte es, bis 1932 zum 50-jährigen Bestehen mit zwölf Bläsern ein hervorragendes Niveau zu erreichen. 1935 trat er die Nachfolge des 71-jährigen Michael Hohner als Stadtmusikus an. Doch schon nach einem Jahr wurde er von Gustav Deiter als Stadtmusikmeister verdrängt. Auch der Gesangverein wurde bereits 1933 durch die NSDAP "gleichgeschaltet", doch Bartholomäus Lanzendorfer hielt den Verein bis 1945 am Leben.
Das Verdienst, nach Kriegsende den Verein neu zu gründen, gebührt vor allem wieder Johann Hohner, Bartholmäus Lanzendorfer und dem Metzgermeister Josef Kraus. Als Ludwig Fick aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, wurde unter seiner Regie wie früher auch Theater gespielt. Bereits 1950 richtete man im Schießhaus ein Sängerfest aus, und Adam Friedrich zauberte ein Brillantfeuerwerk. Der "Liederkranz" fand immer wieder Energie, in vorderster Reihe dabei zu sein. Er beteiligte sich 1951 zur 800-Jahr-Feier von Stadtsteinach an den Theaterritterspielen.


Mit Geduld und Nachsicht

Mit dem Stadtschulrat Ludwig Kremer fand der gemischte Chor von 1954 bis 1956 einen äußerst kompetenten Musiker. Danach gab man wieder Johann Hohner, dessen Vater aus Triebenreuth stammte, den Dirigentenstab. Mit Geduld und Nachsicht, aber mit einem ausgezeichneten Gehör führte der im wöchentlichen Wechsel den gemischten und den Männerchor. Hohner spielte mehrere Instrumente, leitete seit 1952 den Musikverein Stadtsteinach, bildete Schüler aus und leitete den Friedhofschor. Über 40 Jahre prägte er das Musikleben in Stadtsteinach und opferte sich für seinen "Liederkranz" auf.
1970 trat ihm der 20-jährige Hubert Kraus zur Seite und nach dem plötzlichen Tod Hohners 1972 übernahm dieser das Amt des Dirigenten.
Die Vorsitzenden des Gesangvereins waren stets auf der Suche nach Nachwuchs. Unter Landrat Hans Köstner und Karl-Heinz Wolfrum schien dies noch einfach zu sein. Jedoch junge männliche Stimmen fehlten immer mehr. Als Nachfolger übernahmen zuerst Günther Heß und dann Willi Dietz die Vereinsführung. Man schloss sich mit dem Männergesangsverein Schwand zusammen, wobei auch dessen Dirigent Alfred Fraas dazu kam, der sich fortan mit Hubert Kraus die beiden Chöre teilte. Seit fast 20 Jahren ist Peter Frick aus Bindlach der musikalische Leiter, er versteht es hervorragend, die Verbliebenen zu begeistern.
Doch das Problem mit dem Nachwuchs trifft den "Liederkranz" immer mehr. Auch weitere Vorsitzende nach Willi Dietz († 2001) konnten ein Ausbluten des früher so herausragenden Vereins nicht aufhalten. Es folgten Stefan Ott, Hilmar Hahn und Margit Göldel.
Nun hält Vorsitzende Renate Günther die verbliebenen zehn Aktiven beisammen. Seit 1959 ist das Gasthaus "Goldener Hirsch" das Vereinslokal - und vielleicht bleiben bald nur noch ein großer Schrank mit zum Teil uralten Noten, und eine stolze Fahne, die seit 1907 alle Höhen und Tiefen des Gesangsvereins an sich vorüber ziehen sah.