sabine christofzik

Naisa — Bis 14 Uhr müssen die Kerle im Karton sein. Abgekühlt, eingetütet und versandfertig gemacht. Dann kommt der DHL-Fahrer und nimmt sie mit.
Was da durch eine Seitentür die ehemalige Bäckerei Ramer in Naisa verlässt, geht zu Bestellern, die vegan, proteinreich, lactose-, gluten- und zuckerfrei naschen wollen. In ganz Deutschland und in Österreich.
Dafür fängt Bäckermeisterin Sandra Frey (je nach Auftragsvolumen für den Tag) um 3 oder um 4 Uhr mit der Produktion an.
An der alten Kreisstraße gibt es schon sei einiger Zeit kein Brot und keine Brötchen, keinen Kuchen und kein Feingebäck mehr zu kaufen.
Doch seit Januar dieses Jahres ist wieder Leben in der Backstube und den Nebenräumen. Friedrike Famira ist mit ihrem Food-Startup "Kicherkerl" eingezogen. Das kleine Team um die junge Unternehmerin hat momentan so viele Aufträge, dass es kaum noch nachkommt mit dem Liefern.


Hauptzutat: Kichererbsen

Gekichert wird hier nicht mehr und nicht weniger als anderswo. Der Firmen- und der Produktname geht auf die Hauptzutat zurück, mit der die weichen, runden Snack-Stücke gebacken werden: Kichererbsen. Und zwar gekochte.
Friedrike Famira (33) die nach dem Abitur ein Medizinstudium angefangen hat, sich dann aber zur Hotelfachfrau ausbilden ließ, anschließend ein BWL-Studium abschloss und in den Bereichen Controlling, Steuerberatung und Online-Marketing arbeitete, bezeichnet sich selbst als "Naschkatze", die schon immer Freude am Kochen und Backen hatte.
2013 ist sie aus Hamburg wieder in ihre Heimatstadt Bamberg gezogen. Nachdem ihr zweites Kind zur Welt gekommen war, nahm ihre Geschäftsidee konkrete Formen an.
"Für Kinder gibt es hauptsächlich ungesunde Snacks. In den meisten ist Weizenmehl und Zucker, manchmal sogar Palmöl. Das gilt auch für sehr viele Proteinriegel, die auf dem Markt sind.
Hier wollte ich ansetzen mit meinem Produkt. Zunächst allerdings nur mit dem Ziel, etwas Zuckerfreies zu entwickeln. Doch beim Ausprobieren kam schnell die Erkenntnis ,Warum dann nicht gleich auch ohne Getreide und mit sehr wenig Fett, dafür eiweiß- und ballaststoffreich?' Also habe ich mich mit Ernährungswissenschaft beschäftigt und mich auf die Suche nach Alternativen für die üblichen Zutaten.
Das war nicht sofort von Erfolg gekrönt. Man muss einfach herumprobieren. Das größte Problem war, die richtige Bindung hinzubekommen. Mit Flohsamenschalen klappt das sehr gut. Die ersten Mischungen sind im Thermomix entstanden."
Familie und Freunde, so erinnert sich Friedrike Famira, seien sehr angetan gewesen und hätten ihr geraten, es mit dem Verkauf zu versuchen. "Mein Mann allerdings war etwas skeptisch, was die Absatzchancen anging. Ich habe zum Start zwei Werkstudentinnen eingestellt, die bei mir zu Hause gebacken haben. Versendet wurde quasi aus dem Wohnzimmer heraus."
Schnell stellte sich heraus, dass Kekse herstellen unter dem unternehmerischen Dach der ersten Firma, die das Bamberger Ehepaar hat, ein Personal-Recruiting-Unternehmen, so nicht geht. Die Kicherkerl GmbH wurde gegründet. Ein Glücksfall seien die Räumlichkeiten in der Bäckerei, sagt die Unternehmerin. "Hier haben wir, was wir brauchen und auch das Verhältnis zu den Vermietern ist prima."
Was die Werbung für ihr Produkt angeht, setzt Friederike Famira vorwiegend auf soziale Medien. "Im Gegensatz zu Facebook hatte ich vorher Instagram gar nicht so auf dem Schirm. Doch das ist eine hervorragende Möglichkeit, bei potenziellen Kunden Interesse zu wecken. Während ich meine Tochter stillte, habe ich mir endlos Feeds angeschaut, um herauszufinden, wie man da am besten herangeht."
Im Januar auf der Süßwarenmesse in Köln und kürzlich auf der FIBO, einer Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit, war das Startup aus Franken schon vertreten. "Es haben sich viele Kontakte zu Händlern ergeben, auch zu großen Einkäufern. Ein deutscher Süßwaren-Filialist und eine Schweizer Handelskette beispielsweise warten nur noch auf eines: Dass wir ihnen Muster der Kicherkerle in neuer Verpackung schicken können."


Kurze Haltbarkeitszeiten

Denn einen kleinen "Nachteil" haben die weichen Protein-Snacks, in denen viel Feuchtigkeit steckt, im Moment noch: Sie sind nicht unter Schutzatmosphäre abgefüllt und deshalb nur einige Wochen haltbar. Man muss sie im Kühlschrank lagern.
"Eine Maschine, die dieses Problem löst, wird gerade für uns gebaut. Dann können wir Haltbarkeiten von mehreren Monaten garantieren. Ich hoffe, dass sie rechtzeitig fertig ist, bevor es so richtig warm wird. Wir setzen keine Konservierungsmittel ein. Backtriebmittel auch nicht."
Hatte Friederike Famira in der Entwicklungsphase noch auf gekochte Kichererbsen aus der Dose zurückgegriffen, wird die eiweißreiche Hauptzutat mittlerweile von einer Firma aus Norddeutschland, bedarfsgerecht abgepackt, nach Naisa geliefert.


Gesüßt wird mit Xylit

"Die letzte Bestellung war in der Größenordnung von einer halben Tonne. Wir stellen hohe Ansprüche, was unsere Zutaten angeht. Die Fruchtpulver zum Beispiel haben Bio-Qualität. Für die Sorte Mohn-Vanille verwenden wir echte Bourbon-Vanille. Unser Süßungsmittel ist Xylit - auch Birkenzucker genannt - das sehr kalorienarm und zahnschonend ist und einen sehr niedrigen glykämischen Index hat."
Erhältlich sind die "cleanen" Süßigkeiten vorerst nur im Onlineshop des Unternehmens und über Amazon. Nach Absprache kann man die Bestellung auch in Naisa abholen.